Winterlieder treffen Rockmusik: Maschine im Interview

Dieter „Maschine“ Birr war 47 Jahre lang Kopf und Herz der Puhdys. Seit 2016 ist er solo unterwegs und meldet sich nun mit einem neuen Album zurück. Auf „Alle Winter wieder“ stehen winterliche Stimmungen im Mittelpunkt. Persönlich und authentisch nimmt er sich dieser Thematik an. Deutschrock trifft Weihnachtsballade, Humor trifft winterliche Stimmung, Emotionalität trifft Tiefgang. Berührend, aber keineswegs kitschig. 

SZENE: Was macht die Weihnachtszeit für dich so besonders? Du hast ihr ja sozusagen ein ganzes Album gewidmet.

MASCHINE: Ich wollte diese Zeit einfach ein bisschen wiederspiegeln und dazu gehören melancholische Momente - Weihnachten, der Jahreswechsel, Neujahr. Dass man in stillen Momenten an Dinge denkt, die schon lange vorbei sind, wie in „Bilder, die man nie vergisst“ oder an Menschen, die nicht mehr da sind, wie in „Wegbegleiter“. Dass man in Melancholie versinkt, aber auch befreit wird von dieser Stille, weil man lachende Kinder hört. 

SZENE: Die meisten Lieder sind doch recht besinnlich, aber das Duett „Geschenke“ mit Tobias Künzel ist doch ein sehr ironisches Stück...

MASCHINE: Ich habe da auch versucht, mir ganz bescheuerte Geschenke auszudenken! Stell dir mal vor, du bekommst zu Weihnachten einen Schraubenzieher, ein Sieb oder eine Wäscheleine… Tobias und ich kennen uns schon sehr lange. Er hat bei den Puhdys auf dem Album „Frei wie die Geier“ mitgesungen. Ich habe ihn dann einfach gefragt. Die Idee war zuerst, dass er „nur“ mit auf Tour kommt, aber dann habe ich mir gedacht: Dann können wir auch ein schön bescheuertes Lied zusammen singen!

SZENE: Wie kritisch siehst du das Schenken an Weihnachten tatsächlich?

MASCHINE: Ich sehe das nicht so verbissen. Ich lass mich da auch nicht stressen. Meine Frau hat schon im Sommer immer Sachen gekauft, wenn sie da etwas für die Kinder gesehen hat. Als ich noch klein war, wollte ich für meine Eltern natürlich auch was kaufen und habe mich immer am vorletzten Tag gefragt: Na, was schenkst du denn jetzt? Das war dann für meine Mutter eine Sammeltasse und für meinen Vater eine Schachtel Zigaretten oder so. Aber es ging ja auch vielmehr um die Geste.  

SZENE: In „Ein Fenster in der Stadt“ singst und musizierst du zusammen mit der zehnjährigen Gina-Sophie Gaebelein. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

MASCHINE: Die Kleine kennen wir auch schon sehr lange. Sie stand bereits als 4-Jährige mit uns auf der Bühne, als wir damals mit den Puhdys eine Weihnachtstour gemacht haben ”“mit ihrer größeren Schwester. Die Kleine kam dann sozusagen als Zugabe raus. Unser Manager, Rolf Henning, hat dann nochmal Kontakt aufgenommen und angefragt, ob man da nicht noch einmal zusammenarbeiten könnte. Dann habe ich die Musik dazu geschrieben; den Text hat Monika Ehrhardt-Lakomy geschrieben, die auf dem Album übrigens drei Texte für mich gemacht hat. Die Kleine spielt absolut professionell. Das ist kein einfacher Nachwuchsstar, wo ab und zu mal ein schiefer Ton kommt. Nee, nee, die singt super gut und spielt so super geil Geige und tritt auch bei Wettbewerben auf.

SZENE: „Matrosenweihnacht“ ist mir auch sehr im Gedächtnis geblieben. Warum ein Weihnachtslied für die Seeleute?

MASCHINE: Den Text hat auch Monika Ehrhardt-Lakomy geschrieben. Sie sagte, sie hätte hier noch einen Text und vielleicht kann ich damit ja etwas anfangen. Dann habe ich mit dem Text die Musik gemacht und versucht, es so shantymäßig zu gestalten. Seemannslieder haben eine besondere Atmosphäre und Melancholie schwingt da auch mit, auch Wehmut, Fernweh, Heimweh, alles. Das Lied ist auch auf Youtube zu sehen und hat schon über 96.000 Aufrufe ”“ nach 3 Tagen. Das ist schon Wahnsinn!   

SZENE: „Das neue Jahr ist da“ ist ja quasi ein Katersong für den Tag nach Silvester. Wolltest du diesem Tag ein Denkmal setzen?

MASCHINE: Ach, das soll einfach ein bisschen lustig sein, übertrieben natürlich. Jetzt passiert mir das ja nicht mehr so, aber früher schon. Wenn man die ganze Nacht durchgemacht hat, so als junger Mensch. Und da ist das auch völlig normal gewesen. Aber auch schon mit dem Hinweis: Morgen werfe ich die Maschine wieder an; morgen geht”™s also weiter.

SZENE:„Der alte Wolf“ hat einen autobiographischen Anklang. Ziehst du dort deine Lebensbilanz?

MASCHINE: Monika hat den geschrieben und es ist doch so typisch meine Musik, meine Art, Songs zu schreiben. Es ist natürlich so, dass ich gerne nach Hause komme, aber auch nicht zu Hause bleibe; ich bin auch eine Weile unterwegs. Und irgendwann kommt ja der Zeitpunkt, dass der alte Wolf lieber Zuhause sein will, statt sich unterwegs herumzutreiben. Aber ich habe dieses Alter noch nicht erreicht!

SZENE:Du bist seit über 50 Jahren im Musikgeschäft. Vermisst du etwas aus den „alten Zeiten“ mit den Puhdys?

MASCHINE: Mit den Puhdys ”“ das war die schönste Zeit in meinem Leben. Ich denke sehr gerne daran zurück. Wir haben aufgehört, um irgendwie auch zu sagen: Danach kann auch noch etwas anderes kommen, bevor man in ein Locht fällt und da nicht mehr rauskommt. Weil man dann vielleicht nicht mehr die Kraft hat oder zu alt ist. Klar, hätten wir vielleicht noch 5 oder 10 Jahre weiterspielen können. Wenn du aber jetzt selbst bestimmst aufzuhören, fällst du zwar trotzdem in ein Loch, aber ich hatte ja den Plan gehabt, alleine weiterzumachen. Auch wenn ich jetzt nicht mehr die große Verantwortung habe. Ich konnte ja bei den Puhdys nicht sagen: Lass uns mal nächsten Monat frei machen. Da hängen ja viele Arbeitsplätze dran: Techniker, Roadies, Kollegen und so. Jetzt bin ich also alleine für mich verantwortlich.

SZENE: Solo unterwegs zu sein, ist aber auch nicht verkehrt, oder?

MASCHINE: Ich mache das jetzt aus Spaß und muss keinem mehr etwas beweisen, auch wenn zu mir nicht mehr so viele Leute kommen wie zu den Puhdys. Ich möchte auch diesen Abschiedsschmerz nicht noch einmal erleben, weil ja auch viele Leute immer sagen: Wäre schön, wenn ihr nochmal spielt. Aber dann würde dasselbe wieder passieren. Das wollte ich jetzt auch nicht mehr erleben! Ich bin sowieso jemand, der ständig immer etwas Neues machen musste. Neue Platten, neue Lieder spielen ”“ das war für mich immer der Antrieb gewesen. Ich kann sagen, dass es die schönste Zeit war, aber ich vermisse es nicht. Ich habe das alles erlebt und auf unserem Höhepunkt haben wir dann Schluss gemacht.

SZENE: Wann bist du das erste Mal überhaupt mit Musik in Berührung gekommen?

MASCHINE: Über das Radio war es. Damals gab es die „Schlager der Woche“, auf dem Sender RIAS Berlin. Da gab es einmal in der Woche eine Sendung, in der Popmusik und Schlager gespielt wurden, ansonsten waren eher klassische Musik, Nachrichten, Kommentare und das alles im Programm. Lieder von Caterina Valente oder Peter Kraus habe ich dann nachgesungen und wollte dann auch Gitarre spielen lernen. Irgendwann habe ich die ganzen Leider dann selbst begleitet. Das war sozusagen der Anfang von allem.

SZENE: Wann wusstest du, dass du Musik hauptberuflich machen willst?

MASCHINE: Damals hatte man nicht so eine Angst vor der Zukunft. Mein Freund Fritz Puppel, der Gitarrist von City, und ich haben bei den Lunics gespielt. Hauptsächlich gearbeitet und nebenbei Musik gemacht. Der kam eines Tages an und hat gesagt, er hat aufgehört zu arbeiten und ist jetzt nur noch Musiker. Da habe ich gedacht: Na super, hörst du auch gleich mal auf! Im Monat haben wir so 250 bis 300 Mark verdient. Aber da hatte ich ohnehin noch bei meinen Eltern gewohnt und mir keinen Kopf um die Zukunft gemacht. Das Geld war auch egal. Wichtig war, Musik machen zu können und den eigenen Traum zumindest für eine bestimmte zeit zu erleben. Wichtig war auch, vor einem Publikum zu spielen und zu merken, dass die Leute ja sogar klatschten, weil wir die Musik machten. Und wenn du da erst einmal Blut leckst, willst du das auch möglichst lange machen.

SZENE:Verfolgst du eigentlich auch die aktuelle deutsche Musiklandschaft?

MASCHINE: Ich finde es interessant und gut und spannend, dass soviel deutsche Musik läuft; von Giesinger und Bosse über Revolverheld und Rammstein bis hin zu Mark Forster oder Sarah Connor. Das verfolge ich schon. Früher war das fast unvorstellbar, dass deutsche Popmusik von ganz jungen Menschen konsumiert wird. Der Publikumsgeschmack hat sich verändert und man trennt es heute einfach nicht mehr so. Früher war es unmöglich als Deep Purple- oder Pink Floyd-Fan so etwas zu hören wie Vicky Leandros oder Matthias Reim. Aber heute ist alles miteinander verwoben und die Leute sind viel toleranter geworden.

Interview: Anne-Katrin Kliem

 

Am 27.12. spielt Maschine in der Stadthalle Rostock!