Kolumne: Souveränität

„Mach dir doch nichts vor,“ sagt das Rentier und schabt mit einer großen Feile an seinem Huf. Die Raspeln fallen wie gelbe Schneeflocken leise und langsam zu Boden.
„Ich mache mir nichts vor,“ entgegne ich entrüstet. „Für die Postulierung von Klimazielen reicht es nicht aus, dass wir einsehen, Energiebilanzen in ihren globalen Dimensionen zu berechnen. Das finanzkapitalistische Prinzip der Profitsteigerung bleibt als Widerspruch erhalten. Jedenfalls sind mir die streikenden Schüler nicht laut genug, wenn es um den nötigen sozioökonomischen Umbau geht.“
Das Rentier schaut kurz von seinem Huf auf, mustert mich spöttisch und schüttelt den Kopf, während es sich wieder in seine Nagelarbeit vertieft. Ich bin inzwischen in Rage. Mich ärgert diese Arroganz. Zwar leisten sich alle eine Meinung, aber sie machen eher eine Glaubensfrage draus, anstatt den Gedanken bis zu seiner disruptiven Konsequenz weiterzuverfolgen. Keiner denkt ernsthaft darüber nach, die eigene Komfortzone zu beeinträchtigen. Also brülle ich: „Ach so ist das? Wir haben uns in die Sackgasse gefahren und wenn nun der Stau bis zur Wand geht, die unwiderruflich jedes weitere Vorankommen aufhält, lassen wir den Motor an, drehen die Sitzheizung auf und warten auf was auch immer kommen möge. Erzählen davon, dass wir alle mitnehmen müssen. Grinsend und selbstsicher, weil es doch schon immer so war und nicht anders sein kann. Unsere Kinder heulen beim UNO-Klimagipfel, sagen, dass wir schuld sind und wir können nicht widersprechen, weil es ja stimmt, also kichern und klatschen wir und sind ganz begeistert über so viel Emotionalität.“
„Hast du Kinder?“ fragt das Rentier und ich verneine. Das Rentier legt die Feile beiseite, steht auf und tippelt auf den Hinterhufen, erst kleine vorsichtige, dann große, fast trampelnde Schritte. Es sagt: „Geht doch, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Dann grinst es mir breit ins Gesicht.
„Halt!“ unterbricht es mich, bevor meine anschwellenden Halsschlagadern zum folgenden Gebrülle ansetzen können, „Du hast keine Kinder, weißt also nicht, wie es ist, wenn dir Fragen gestellt werden, die deinen Alltag in seiner Absurdität entblättern. Wenn du mehr Plastikverpackungen als Lebensmittel aus dem Supermarkt mitbringst. Wenn du sämtliche Geräte im Standby laufen lässt. Wenn du für wenige Kilometer deinen Vergasermotor nutzt. Wenn du von deinen Angestellten Leistungen erwartest, die du selber nie erfüllen könntest. Du weißt nicht wie es ist, wenn du alltäglich infrage gestellt wirst und dich nicht souverän verteidigen kannst, obwohl die Fragesteller Souveränität erwarten, denn du bist doch der Erwachsene. Wenn du diese Erfahrung hättest, wüsstest du, dass man Souveränität sowieso nur in der Form wahren kann. Dass man sich zurechtbiegen muss, wenn man Erwartung und Verantwortung unter einen Hut bringen will. Da kommt es dann auch zu Übersprungshandlungen und auf einmal klatscht man, obwohl einem gerade in aller Deutlichkeit das Versagen vorgehalten wurde. Kein Grund sich aufzuregen. Das hat Tradition und ist durch und durch menschlich,“ sagt das Rentier.