Kolumne. Nasse Füße

„Vielleicht kann man es ja noch reparieren. Außerdem könnte es doch sein, dass alle falsch liegen? Erinnerst du dich an Spinat und seinen Eisengehalt? Als Kind wurde ich dazu gezwungen, regelmäßig diesen grünen Schlamm reinzumümmeln, bis dann endlich irgendwer die Zahlen nachprüfte und feststellte, dass sich da jemand bei den Messungen des Eisengehalts um eine Dezimalstelle geirrt haben muss,“ sage ich zum Delphin. Wir sitzen am Stadthafen, trinken Bier und schauen auf die Warnow. „Du, mir ist das völlig Wurscht.“ antwortet der Delphin, „Meinen Alltag betreffen die Probleme ja nicht.“ Er fiept kurz auf, hält mit den Flippern seinen Bauch fest und gibt in Intervallen weitere Fieper von sich. „Und weißt du auch warum?“ fragt er, als er sich beruhigt hat, „Ich bekomme in meiner feuchten Wohnung keine nassen Füße.“ Er fiept schallend auf. „Ja, schon klar.“ entgegne ich bockig, „Aber wenn es stimmt, gibt es auch Lösungsansätze für uns Landbewohner. Die Holländer schlagen zum Beispiel vor, die Nordsee komplett zu umbauen. Ein Damm zwischen Schottland und Norwegen und einer zwischen England und Frankreich. Damit könnte das Schmelzwasser abgehalten werden. Natürlich bräuchte es riesige Pumpen, die das überflüssige Wasser wieder hinter den Damm bringen.“
Der Delphin schaut mich an, als würde er eine Augenbraue hochziehen können. Dazu schweigt er, trinkt an seinem Bier und schaut auf die Warnow. „Nicht diskutabel?“ frage ich. „Nein.“ antwortet er kurz.
Hinter uns leuchtet die Sonne auf, kurz zwischen Wolkenband und Häuserdächern, die Bäume am Gehlsdorfer Warnowufer verfärben sich rot. Ich will was sagen, irgendwas Kluges ergänzen, aber mir fällt nichts ein. „Bevor du weiteren Blödsinn äußerst:“ unterbricht der Delphin meine Ideenlosigkeit, „Eure Planung von Großprojekten hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Verwaltungs- und Managementmonstrum entwickelt, das zwar einigen Entscheidungsträgern und Beratern ein ansprechendes Salär verschafft und vielleicht auch deshalb nicht über die Planungsphase, oder erzwungene Baustopps hinausgeht. Aber an Nachhaltigkeit ist keiner interessiert. Da drüben soll zum Beispiel die BUGA veranstaltet werden.“ Er zeigt mit der Bauchflosse zur anderen Uferseite. „Abgesehen davon, dass sich Architekturbüros und Verwaltungsangestellte die Hände reiben, gäbe es ein bereits erschlossenes und deshalb günstiger zu bespielendes Gelände in der Richtung.“ Jetzt zeigt seine Bauchflosse die Warnow entlang, Richtung Norden. „Dort wurde bereits eine IGA veranstaltet, doch zwischen den Schlafstädten liegt das Gelände jetzt planlos herum und trägt nicht zur Urbanisierung bei, weil, abgesehen von einigen Events hier nichts im Alltag passiert. Es wäre also nachhaltig und angebracht, hier 17 Jahre später eine Gartenschau zu planen, diesmal mit dem Ziel, dass die Bewohner der Neubauviertel sich das Gelände erschließen, aber nein, besser woanders das Flussufer denaturieren und ordentlich draufbauen. Aber letztendlich geht mir das an den nassen Füßen vorbei, denn ich hab keine.“