Kolumne - Küchengespräch

Prof. Dr. Fleischschleifer steht in meiner Küche und lässt die Arme hängen. Den großen Jutebeutel hat sie auf ein Stück der Arbeitsplatte gestellt, das nicht von benutztem Geschirr besetzt ist und auf dem der Schimmel noch keinen Flaum gebildet hat. „Was hast du da überhaupt mitgebracht?“ frage ich und schaue in Richtung des Beutels. „Dit sind Weihnaxjansreste.“ murmelt sie entgeistert. Dann schiebt sie Geschirr in die Spüle. Als ich den Geschirrspüler erwähne, der nur ausgeräumt werden müsste, dreht sie sich zu mir um, hebt stumm den Zeigefinger in meine Richtung und unterbricht die einsetzende Stille mit einem tiefen, pferdeartigen Schnaufen. Dann dreht sie sich weg und lässt heißes Wasser in die Spüle laufen. An der Oberfläche des ansteigenden Wasserspiegels versuchen verschiedene Tiere und Insekten auf schwimmende Essensreste zu kriechen, um sich vor dem heißen Wasser zu retten. Sie sind chancenlos. Das Gewimmel verlangsamt sich, bis sich nichts mehr bewegt.
Ich frage weiter: „Wie konnte denn das passieren, bei eurem Weihnaxessen ist doch nie was übrig geblieben? Allein die Rentiere würden doch die Gans verspeisen noch bevor…“ „Wo is Spülmittel?“ unterbricht Prof. Dr. Fleischschleifer meine Ausführungen. Ich habe keine Ahnung, befürchte, dass in meiner Küche so was nicht vorhanden ist, also fange ich an, nach Geschirrspülmittel zu suchen. Prof. Dr. Fleischschleifer schiebt mich weg und sagt, ich solle Seife aus dem Badezimmer holen, so was wird doch wohl vorhanden sein. Sie raspelt mit der grob gereinigten Käsereibe die Seife in das heiße Spülwasser und spült die obere Schicht Geschirr ab. Dann öffnet sie den Beutel und holt riesige Stücke Gans heraus, die sie in kleinere Stücke reißt und in eine Schüssel wirft.
„Also, wieso habt ihr die Gans nicht geschafft?“ frage ich weiter nach. „Weil dit weihnaxlische Gejamma üba den kleenen Braten mir uffn Kranz ging!“ schreit Prof. Dr. Fleischschleifer mich an. Sie erzählt irgendwas von Stammzellen und Versuchsanordnungen und Bioreaktoren. Das Ergebnis der Versuche sei eine Zwei-Meter-Gans geworden, mit fünfzig Prozent besserem Fleisch-Knochen-Verhältnis und ohne Kopf und Gefieder. „Hundat Prozent Jänsefleesch mitn paar Knochen dazwischen verteilt, fürn Jeschmack.“ sagt sie stolz, „Die janze Sippe war abjefüllt, keener hat nochn Bissen rinjekricht aba dit Vieh lag zujuterletzt nur halb zerrupft ufm Esstisch rum. Da hab ick schnell jeschaltet und beschlossen, der Rest kommt zu Silvesta innen Salat. Ick konnt ja nich ahnen, dass deine Küche ne Grundsanierung braucht, bevor ick hier wat ausanandarupfen tu.“
Sie kippt Mayonnaise, Erbsen und zwei Flaschen Vodka zu den Fleischstücken in der Schüssel. „Dit wird was.“ lächelt sie, „Und du rufst ma gleich die Andern an, dasse nich uff die Idee kommen hier mit noch mehr Futta uffzutauchen, aba erwähn nich die Jans, dit Erlebnis is für manche immer noch traumatisch.“
Nachher ist Neujahr, denke ich, während ich durch die Telefonliste scrolle. Vielleicht sollte ich mir mal wieder was vornehmen. Könnte mit Küchenhygiene zu tun haben.