Kolumne: Engelwirtschaft

In regelmäßigen Intervallen geraten die dünnen Bleche über den Eingangstüren der Messehalle in Vibration, die Verkleidung scheppert den Bass mit. In der Luft liegt Limettengeruch. Der Lagerraum zwischen den Hallentüren ist voller Engel, die um eine mit Müllbeuteln abgedeckte Arbeitsplatte herumsitzen. Sie waschen und schneiden, drehen Gläser, füllen jeweils Limettenstücke und einen Esslöffel Rohrzucker hinein. Danach pressen sie mit Stößeln Zucker und Frucht ineinander. Paletten werden bestückt und in Wagen gestapelt, die im Akkord leer angerollt und gefüllt weggezogen werden. Die Tschunkproduktion ist in vollem Gange. Dahinter das „Moltonmonster“; eine Konstruktion, die ein Viertel der Leipziger Messehalle 5 einnimmt und dessen Sound aus seinen Innereien heraus Bleche scheppern und Wände vibrieren lässt.
Die Atmosphäre stellt einen starken Kontrast dar zu den anderen Messehallen und den Talks, deren Sicherheitslücken und Gesellschaftsprozesse aufdeckende Themen anderen Lärm in die Nacht bringen. Akustisch weitaus unrhythmischer und leiser: Neue Polizeigesetze ermöglichen mehr Zugriffe ohne richterliche Verfügung, Edward Snowden bittet, per Livestream zugeschaltet, um Unterstützung der entrechteten Flüchtlingsfamilien, die ihn bei seiner Flucht in Hong-Kong versteckten und das Internet ist ein CO2-ausstoßender, sicherheitsanfälliger und datensammelnder Flickenteppich.
Auf dem 36c3 erlebt sich die Schizophrenie unserer Gesellschaft nur Millisekunden voneinander entfernt und in Echtzeit. Hinter der einen Tür löten und basteln Freaks und solche, die es werden wollen, in aller Ruhe vor sich hin. An unzähligen Ständen wird geschrieben, geschraubt und erklärt. Hinter der anderen Tür schwitzt und tanzt sich das gleiche Klientel durch die Bassflächen der von der Decke strahlenden, überdimensionierten Lautsprecher.
Das Motto „Resource Exhaustion“ wird dank der Engel-Mannschaft keine sichtbare Messe-Realität. An Ein- und Ausgängen stehen leere Getränkekisten. Per App kann mitgeteilt werden, dass sie mit leeren Bier- und Mateflaschen gefüllt sind und schon sind Engel unterwegs, um die Kästen auszutauschen. Also können tausende Konferenzbesucher sorgenfrei mit ihren Glasflaschen über das Gelände ziehen, ohne Berge von Altglas zu hinterlassen. Plasteflaschen gibt es nicht.
Dazwischen stehen einige Stände des Caterers der Leipziger Messe. Hier gibt es Kaffee und Fast-Food zu überhöhten Preisen und in handlichen Pappbehältern, nach Verzehr Papiermüll. Dagegen werden bei der Engel-Fütterung die Mahlzeiten auf abwaschbarem Geschirr verteilt. Siebzehntausend Teilnehmer, darunter viertausend Engel. Sie halten den Laden sauber, füllen am Tresen Eis, Rum und Mate auf die vorbereiteten Tschunkgläser. Alles ehrenamtlich und für die Gemeinschaft und ein T-Shirt auf dem in großen Lettern „engel“ steht.
Ich bin erschöpft und setze mich in eines der vielen Zelte. Auf das Zelt wurde ein kurzer Befehl geschrieben; „STOP WORKING“. „Work less, save the Planet!“ stelle ich fest und denke nicht mehr an die Arbeit, die es macht, die Logistik dieses Kongresses zu stemmen.