Dem Lippi sein Monolog: Ein Dilemma

„Ich hab keine Lust die Kolumne zu schreiben, ich will an den Stand und nix machen, Sonnenbrand kriegen, ins Wasser springen und ‚Huh, ist das kalt!‘ rufen, oder ,Was für eine Plürre, nicht mal hier kann man sich abkühlen!‘ Ich will kleine Bücher im Sand liegen haben mit kleinen, lustigen Geschichten, die ich durchblättere und -lese und bei denen ich dann laut auflache, weil eine Textpassage besonders lustig ist und ich will so laut auflachen, dass die anderen Strandbesucher mich stirnrunzelnd angucken.“ rufe ich und schaue mich um.
Keiner da. Keiner der zuhört und Verständnis zeigt, kein Weihnaxmann, der mich in die Arme nimmt, ein wenig hin und her wiegt und sagt: „Jetzt beruhige dich erst mal wieder. So ist das nun mal. Stell dir vor, alle würden so egoistisch wie du einfach ihre Arbeit abbrechen und sich den Freuden des Lebens hingeben. Dann ginge hier nämlich ganz schnell gar nichts mehr.“ Und ich würde erwidern, dass das aber doch manchmal helfen könnte. Denn vierzig Prozent der Sachen, die wir mit unserer Arbeit produzieren, schmeißen wir wieder weg, ohne sie überhaupt benutzt zu haben. Also wäre es doch ganz sinnvoll, wenn alle sich entscheiden würden zum Strand zu fahren. Das Wetter ist doch perfekt dafür. Na gut, die Sonnenschutzcremeüberproduktion müsste in dieser Jahreszeit weiterlaufen, aber die Herstellung der meisten Dinge sollte vielleicht wirklich mal ne Pause machen, schon um der Planetkugel Zeit zu geben, manche Produktionsnarbe wenigstens oberflächlich heilen zu lassen. 
Zum anderen ist ja so eine Kolumne kein Produkt, das lebenswichtig ist, im Gegenteil. Sie richtet keine Narben auf der Planetkugel an und da sie in eine sehr informative Stadtzeitschrift eingebettet ist, wird sie auch nicht einfach weggeschmissen. Insofern würde mein Argument für mich nicht gelten. Alle, die wirklich wichtige Dinge machen, könnten aber an den Strand.
Dann gäbe es nur eine kleine Minderheit, die aufgrund der Unwichtigkeit ihrer Arbeit weitermachen würde: Besitzer der Produktionsmittel, CEOs, Manager, Aktionäre, Geschäftsberater, Redenhalter, Politiker und so weiter. Kurz gesagt, die Leistungsträger unserer Gesellschaft. Sie könnten in ihren Luxusjachten und Privatjets sich hinter einen Bürotisch setzen und die Dinge machen, die man so macht als Leistungsträger, also in den meisten Fällen so tun, als würden man Dinge tun. Am besten so intensiv, dass man sich selbst glaubt, dass man etwas tut. Das würde dann Niemandem, auch nicht der Planetkugel, schaden, weil das so tun, als würde man was tun, glücklicherweise keine Wirkung hat.
Der größte Teil der Menschheit könnte aber gelassen an den Strand fahren. Jedoch würde niemand gelassen den aufgesammelten Sand durch die Finger rieseln lassen, weil man sich berechtigterweise davor ängstigte, morgen keinen Job mehr zu haben, wenn man diesen einfach schwänzt, was ja nicht den, im Arbeitsvertrag festgehaltenen, Pflichten entspricht. Und dann würde man sich die Miete nicht leisten können und auch kein Zugticket zum Strand. Ein Dilemma.