Kolumne: Der Vortrag

Das ist doch Illusion, dass ich euch was erzählen könnte und dabei irgendwas hängenbliebe. Denn großteils bestünde mein Vortrag aus Vorwürfen, die explizit euch gemacht werden. Doch ihr werdet zu meinen Worten lächeln, freundlich nicken, um mir danach auf die Schulter zu klopfen und zu danken und was von Läuterung zu erzählen. Trotzdem werdet ihr dann die Reden derer nachplappern, die behaupten, es gäbe Hausaufgaben, die gemacht werden müssen und es gäbe Rechtsstaatlichkeiten und Menschenrechte. Die Heuchelei geht ja so weit, dass ihr sogar glaubt, ihr würdet euch an daraus resultierende Pflichten halten. Dabei sind die Maximen längst eine offensichtliche Bastelarbeit voller Schlupflöcher, durch die der Irrsinn rieselt und trotz derer sich die Strukturen weiter festigen können. So ist jedes kritische Wort willkommen und ihr käut es wieder, sofern ihr euch nicht an die eigene Nase fassen müsst. Stumpf und selbstverliebt. Derart doppelmoralisch gefestigt konstruiert ihr heilige Pflichten, die ihr immer dann ernst nehmt, wenn deren Verletzungen den anderen vorgehalten werden können: den Barbaren, den Ungläubigen. Denen, die nicht ihr seid, die ihr ausgrenzt und ausgegrenzt haltet.
Zu denen gehöre ich, also werdet ihr, sofern ich das Wort ergreife, eure Ohren verschließen, dazu dann freundlich nicken, mit einem höflich versteinerten, dümmlichen Grinsen. Nicht ernst zu nehmen wäre ich und alles was ich euch vorwürfe, bliebe weiterhin ungesagt hinter diesem Filter.
Es ist sowieso illusorisch, dass ihr mich zum Vortrag einladen würdet. Ihr kennt mich ja gar nicht, wisst nicht, dass ich denke, euch etwas zu sagen zu haben. Wisst nicht, wie desillusioniert ich schon jetzt an die folgende Unterhaltung denke. Ihr kennt mich nicht aus redaktionell nachbearbeiteten und eingeordneten Bildern und Filmclips. Wie ich nicht vor meiner Hütte stehe, während mir die dreckige Brühe bis zum Hals steht, weil mir die Brühe längst über den Hals gestiegen ist. Auf dem Schlauboot, auf dem ich mich nicht mehr festhalte, weil ich zu den Schwächeren gehörte und ins Wasser gestoßen wurde. Wie ich ertrunken, aufgedunsen und zerplatzt nicht am Strand liege, sondern auf den Gründen eurer Meere.
Ihr seht längst nicht mehr alle Bilder. Nicht die Bilder, wie ich protestiere und mein Augenlicht verliere. Kurzzeitig unter Tränen, oder langfristig, wenn mir der Augapfel aus dem Schädel hängt.  Wie ich mit euren Handfeuerwaffen erschossen werde. Wie ich, am Ende der Fernsteuerung zu denen gehöre, die ohne Vorwarnung aus den Tiefen des Himmels angepeilt werden und im nächsten Moment von Lenkraketen zerfetzt sind. Wie ich auf, von eurem panzerbrechenden Atommüll verseuchtem, Boden geboren werde, schon tot, oder kurze Zeit später nach wenigen Zuckungen. In kaum als Mensch identifizierbarer Gestalt.
Und im schlimmsten Fall schreibt einer eurer Kolumnisten über mich emotional aufgeladene Sätze, die Reflektion vorgaukeln. Die ihr euch auch noch durchlest, obwohl Nichts geschrieben wurde, was ihr nicht schon wusstet.