Kolumne: Das Wettrennen

Der Delfin sagt: „Ich schwimme.“ und springt in die Warnow. Prof. Dr. Fleischschleifer öffnet eine große Glaskugel. „Antigravitation“ sagt sie augenrollend, als wenn ich gefragt hätte, steigt in die Kugel, zieht den großen Hebel, der in der Kugel angebracht ist, nach vorne und  die Kugel schwebt lautlos in die Höhe. Der Weihnaxmann sitzt in seiner Kutsche und ruft nordpolische Begriffe in Richtung des Rentiergespanns. Die Rentiere dagegen sitzen im Kreis und reagieren nicht. Sie spielen Skat. „Du gibst“, sagt ein Rentier zu einem anderen. Erst als der Weihnaxmann die Peitsche schwingt, beenden sie das Spiel, versichern sich gegenseitig, dass der Chef nervt, schnaufen kurz und entrüstet und ziehen den Schlitten in den Himmel.
Alle sind weggeschwommen oder -geflogen und ich stehe alleine da. Ehrlich gesagt muss ich erst mal nachvollziehen, warum es überhaupt zu diesem Wettrennen kam. Wettkämpfe interessieren mich nicht besonders, deshalb hörte ich auch nur halb hin und bemerkte nicht, dass das Gesprächsthema eskalierte, bis man sich von einer Sekunde auf die andere offensichtlich auf ein Rennen einigte, woraufhin alle in der nächsten Sekunde verschwunden waren. Mir ist auch unverständlich, wie Ambitionen derart kurzfristig zur Handlung führen können. Man muss doch erst mal das Für und Wider besprechen und ohne Planung könnte doch irgendwas schief gehen.
Der Weihnaxmann meinte, er würde problemlos als erster ankommen, daran kann ich mich erinnern und ich erinnere mich, dass alle, inklusive der Rentiere, laut loslachten. Dann berichtigte er sich, gab zu, dass er ohne die Rentiere es natürlich nicht schaffen würde. Es folgte eine längere, joviale Danksagung für die langjährige Hilfe und Unterstützung. Peinlich berührt schauten seine Zugtiere in die Skatkarten und merkten an, dass es doch selbstverständlich sei und man müsse da jetzt auch nicht so ein Buhei machen. Woraufhin der Weihnaxmann nur grinsend feststellte: „Na dann los!“ Kurz darauf waren alle weg und nun stehe ich hier allein herum.
Worum ging es also? Ich hatte mich beklagt über die Kolumne, stellte fest, dass mich in letzter Zeit ständig die Fragen nach den großen Zusammenhängen beschäftigten. Zwar hätte ich keine Antworten, aber schon die Fragen füllten problemlos die Zeilen. Deshalb waren in diesem Jahr fast alle Kolumnen mit problematischen Themen beschäftigt und das nervt mich schon selbst. Bei der Weihnaxkolumne im Dezember fällt es mir bestimmt nicht schwer leichter zu sein, aber jetzt im November ist alles immer noch so bedeutungsschwanger und mir wollen keine kleinen, leichten Geschichten einfallen bei all den Umstürzen und Umwandlungen und Umweltzerstörungen, die diese Welt beschäftigen sollten.
„Was machen wir dann hier?“ fragte daraufhin der Delfin und ein Rentier bemerkte, dass man also auch gleich zur Weihnaxkolumne weiterziehen könne. „Ein Wettrennen! Ick nehm die Kugel, die is schnell“, bemerkte Prof. Dr. Fleischschleifer. „Nicht so schnell wie mein Schlitten“, erwiderte der Weihnaxmann. „Ihr unterschätzt die Geschwindigkeiten auf dem Seeweg“, mischte sich der Delfin ein.