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Interview: Reinhold Messner

© Andreas H. Bitesnich

REINHOLD MESSNER. Weltberge. Die 4. Dimension
 

„Weltberge. Die 4. Dimension“ ist Reinhold Messners neuester und zugleich bildgewaltigster Vortrag. Er zeigt dreizehn ausgewählte Weltberge auf bis dato unbekannte Art und Weise. Am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt entstanden auf Basis von Satellitenaufnahmen digitale Abbilder. Aus diesen Aufnahmen schufen Wissenschaftler, deren Bilder Messner hier exklusiv präsentiert, dreidimensionale, fotorealistische Abbilder. So wurden »virtuelle« Darstellungen aus zuvor undenkbaren Perspektiven und in bislang unerreichter Genauigkeit möglich. Der Zuschauer wird so zum Teilnehmer historischer Expeditionen und zugleich Zeuge neuer, kommender alpinistischer Herausforderungen!

 

SZENE: Schon bald kommen Sie erstmalig nach Rostock für ihren Vortrag „Weltberge. Die vierte Dimension“, was erwartet uns da genau?

 

Messner: Ich erzähle an 13 Bergen entlang die alpine Geschichte und vor allem die Veränderung in der Haltung der Menschen den Bergen gegenüber. Mir geht es um das Narrativ, was zwischen Mensch und Berg passiert ist und was weiterhin passiert. Wenn Mensch und Berg sich begegnen, dann passiert da etwas und zwar beim Menschen. Das ist im Prinzip auch meine Frage und darauf gebe ich auch eine Antwort. Ich erzähle Geschichten, aber nicht nur über mich, sondern auch über andere.

 

SZENE: Welche Bedeutung hat für Sie das Bergsteigen und wie sehr hat es Sie bereichert, oder Ihre Sicht auf die Dinge verändert?

 

Messner: Meine Universität war das Bergsteigen. Ich bin zwar eine Zeit lang auf die Uni gegangen, aber irgendwann hatte ich das gelassen. Meine großen Erfahrungen hab ich beim Bergsteigen gemacht. Allerdings ist das nicht ein Studium im klassischen Sinne, sondern ich weiß einfach wie der Mensch tickt, wenn er sich großen Schwierigkeiten und Gefahren aussetzt. Was tun wir, wenn wir Angst haben? Wie ticken wir dann? Darauf beziehe ich mich dann auch im Vortrag.

 

SZENE: Gab es auch Zeiten, in denen Sie darüber nachgedacht hatten aufzuhören?

 

Messner: Ja, nach dem ersten großen Unfall und Tragödie, wo mein Bruder umkam und ich die Zehen verloren habe, gab es natürlich auch von Außen den Drang aufzuhören. Meine Brüder und Eltern hatten auch recht, aber ich bin trotzdem dabei geblieben. Ich hatte aber auch mehrere große Expeditionen abgebrochen, hatte also aufgegeben und mich wieder neu gesammelt, besser trainiert und es dann wieder versucht. Manchmal hat es mehrere Anläufe gebraucht. Das alles gehört auch irgendwie dazu, das Versuch-Irrtum-Prinzip zum Beispiel, das mich auch weitergebracht hat. Aber in meinem Leben bin ich immer wieder umgestiegen, hab mich neu erfunden und so viele verschiedene Facetten des Daseins erlebt.

 

SZENE: Sie hatten es ja gerade schon erwähnt, Sie verloren ihren Bruder Günther bei einer gemeinsamen Expedition am Nanga Parbat und ganze 35 Jahre später wurde er erst gefunden. Hat es Ihnen geholfen das Unglück besser zu verarbeiten und damit auch abzuschließen?

 

Messner: Also ja, es hat mir geholfen, weil unglaublich viele Anwürfe von Außen kamen. Aber viel wichtiger in diesem Zusammenhang war, dass ich mit meiner Familie zum Nanga Parbat gehen und ihnen erzählen konnte, wo der Günter in die Lawine geraten ist, wo er dann gefunden wurde und so weiter. Für meine Brüder war es weitaus schwerer damit umzugehen, weil ich es selbst erlebt hatte, sie natürlich nicht. Ich wusste ja was passiert war, aber für meine Brüder und meine Eltern war das nur irgendwo am anderen Ende der Welt passiert und sie hatten dazu keine Bilder. Wir Menschen haben meist das Bedürfnis zu wissen, wo unsere Angehörigen ums Leben gekommen oder wo sie begraben sind.  Das alles konnte mit dem Ort und mit dem Grabmal erzählt werden, das war für mich und auch für die Familie sehr wichtig.

 

SZENE: Trotz der ganzen Rückschläge sind Sie immer nach vorn gegangen, das ist sehr bewundernswert! Was hat in Ihnen eigentlich die starke Abenteuerlust damals geweckt?

 

Messner: Ich bin schon als Kind viel klettern gegangen und mit 5 Jahren hatte ich meinen ersten Dreitausender bestiegen. Mit 15 Jahren war ich ein begeisterter Kletterer und wurde dann ein Extremkletterer, so hatte sich das dann entwickelt. Ich bin dann in die Szene rein gerutscht, habe mich positioniert und viele Möglichkeiten gefunden mich auszudrücken, auszuleben und neue Herausforderungen zu finden. Später habe ich ein Museum gebaut, Bücher geschrieben, Filme gemacht und das alles mit ähnlichem Hintergrund: die große Wildnis. Ob das die Wüste ist oder die großen Berge, das ist ganz egal. Eine Wüste ist auch nichts anderes, als ein zerbröselnder, verwitternder Berg und die Antarktis ist wie ein großer Eiskuchen. Dadurch, dass ich mich mit all den wilden und gefährlichen Regionen herumgeschlagen habe, entwickelte ich so eine besondere Sicht auf die Welt. Und genau diese Sicht auf die Welt, teile ich nun mit einer großen Zahl von Interessierten im Rahmen meiner Vorträge. Ich bin der Stellvertreter für all jene, die zum Glück nicht das machen, was ich gemacht habe. 



 

SZENE: In Ihrem neuen Buch „Der Eispapst. Die Akte Welzenbach“ schreiben Sie ja über andere Bergsteiger, darin haben Sie auch den Fall von Willhelm »Willo« Welzenbach aufgearbeitet. Welche Bedeutung hat dies für Sie und was war Ihnen besonders wichtig?

 

Messner: Also ich habe generell viele Geschichten aufgearbeitet, die nicht richtig in der Geschichte des Abenteuers erwähnt wurden, oder ihren Platz gefunden hatten. Welzenbach war der wichtigste Bergsteiger der 20er und 30er Jahre und ihm wurde ziemlich übel mitgespielt. Da kommt eben heraus, wie sich einige „Bergkameraden“ zu Helden stempeln und wozu sie fähig sind. Unter anderem hatten sie ihn hinterrücks mit Rufmordkampagnen kaputt gemacht. Am Ende ist er, aufgrund dieser Tatsache, am Nanga Parbat gestorben, wo er eigentlich nie hin wollte und auch mit Methoden, die er nie verwenden wollte. Da ist er hinein geschlittert und wurde sozusagen ein Opfer dieser Kampagne.



 

SZENE: Das ist ein furchtbares Schicksal, das definitiv nicht untergehen darf. Planen Sie eigentlich, wieder in die Höhe zu steigen oder möchten Sie sich eher dem Schreiben widmen?

 

Messner: Ich möchte das nach wie vor gern mischen. Ich war im Juni monatelang im Himalaya unterwegs und nun mache ich einen Film dazu. Also ich mische das, ich gehe auf den Berg, sitze dann mal Zuhause und schreibe, ich bin unterwegs auf Vortragsreise und Letzteres möchte ich auch gern weltweit ausdehnen.

 

SZENE: Das Bergsteigen scheint sich stark verändert zu haben, denn der Mount Everest ist mittlerweile ein beliebtes Reiseziel geworden. Wie ist Ihre Ansicht zu dieser fast schon kommerziellen Entwicklung?



 

Messner: Also den Ausdruck kommerziell benutze ich nicht so gern. Weil alle Expeditionen einen kommerziellen Hintergrund haben. Also niemand kann eine Bergtour machen, ohne Geld auszugeben. Früher haben die Menschen sogar noch mehr Geld dafür ausgegeben. Jetzt werden ja hunderte von Menschen zusammengefasst und die gehen natürlich über eine Piste auf den Everest. Aber das ist Tourismus und nicht Alpinismus, im Grunde interessiert mich das nicht.  Ich beobachte und beschreibe es seit rund 30 Jahren, aber für eine Chronik oder für die Forterzählung dessen, was Alpinismus wirklich ist, brauche ich das nicht.

 

SZENE: Sie haben ja eine große Familie, was hält diese eigentlich von Ihrem abenteuerlichen Lebensstil?



 

Messner: Meine Kinder finden das ganz selbstverständlich. Die sind damit aufgewachsen, einige Rhythmen sind nur anders. Ich bin monatelang weg und monatelang da. Es war zwar generell ein anderer Alltag, aber in der Summe nicht viel anders als bei anderen normalen Bürgern.

 

SZENE: Was haben Sie denn von der Zeit in der Wildnis gelernt, das Sie gern weitergeben würden?

Messner: Ich pflege nicht Leuten zu empfehlen, das nachzumachen, was ich vorgemacht habe. Ich teile nur meine Erfahrungen, soweit man das überhaupt tun kann und ich will jetzt nicht als Religionsgründer erscheinen. Ich weiß nicht, was der richtige Weg ist. Ich kann nur sagen, dass ich ihn für mich gefunden habe und diesen Weg bin ich auch konsequent gegangen.

 

SZENE: Sie sind ja einen wirklich weiten Weg gegangen, wenn man das so sagen kann. Wie war eigentlich das Gefühl, als Sie nach all den Mühen die Spitze des Mount Everest erreicht hatten? Was genau passierte mit Ihnen?



 

Messner: Der Gipfel des Everest ist nur der Umkehrpunkt. Natürlich ist es ein Durchatmen, weil man noch mal abwärts gehen muss, zurück in die Sicherheit. Das, was wirklich aufregt, ist das Zurückkommen in die Zivilisation, die ganzen Gefahren sind hinter einem, der Druck ist weg und dann hat man das Gefühl wiedergeboren zu sein. Das ist ein sehr beflügelndes Gefühl.

 

SZENE: Was reizte Sie besonders daran, den höchsten Berg der Erde zu erklimmen? War es das Gefühl von Freiheit?

 

Messner: Nein, nein. Wissen Sie, wie das funktioniert? Je mehr Sie Freiheit wollen, umso mehr Verantwortung übernehmen Sie. Das heißt, die Verantwortung lastet auf Ihnen. Sie haben die Freiheit zu tun, was Sie wollen. Aber wenn Sie sich die ganze Freiheit nehmen, haben Sie auch die ganze Verantwortung. Und das hat auch mit dem traditionellen Bergsteigen zu tun, das wir in Eigenverantwortung in die Wildnis gehen.

 

SZENE: Vielen Dank für das Interview!



 

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