Interview: METALLICA

Mit einem Auge in der Zukunft.

Im vergangenen September spielten Metallica gemeinsam mit dem San Francisco Symphony Orchester zwei Konzerte im brandneuen Chase Center in Frisco, um das 20-jährige Jubiläum des Albums „S&M“ zu feiern. Nun erscheint die Box "S&M2" mit Audio- und Videomitschnitten dieser besonderen Show. Metallica-Leadgitarrist Kirk Hammett steht auf der Liste des Rolling Stone mit den 100 größten Saitenzauberern aller Zeiten an elfter Stelle. Im Interview mit Olaf Neumann lacht er viel. Er erzählt von den Auswirkungen der Pandemie auf die USA und seinen musikalischen Einflüssen und Helden, zu denen unter anderem die Scorpions aus Hannover gehören

 

SZENE: “S&M2" ist euer zweites Projekt mit der San Francisco Symphony. War die Herausforderung die gleiche wie 1999?

 

Kirk Hammett: Nein. Seit 1999 ist die Aufnahmetechnik viel besser geworden, besonders was kabellose Mikrofone betrifft. Auf diese Weise haben wir diesmal sämtliche Instrumente aufgenommen. Zudem konnte das Orchester mit uns auf der Bühne spielen statt wie 1999 hinter uns. So konnten wir viel besser mit dem Orchester interagieren - ich bin zum Beispiel zu den Streichern gelaufen und habe direkt vor ihnen gespielt. Auch klingen die In-Ear-Monitore jetzt viel besser als vor 20 Jahren.

 

SZENE: Spielen in dem Orchester mittlerweile auch Musiker, die mit Metallica aufgewachsen sind?

 

Hammett: Eine Handvoll Leute haben wir wiedererkannt. Aber es waren natürlich auch viele neue Gesichter dabei, die zum Teil mit unserer Musik aufgewachsen sind. Bestens vertraut waren wir mit Scott Pingle, der 1999 Chris Burtons Solo "Anesthesia (Pulling Teeth)“ auf dem Kontrabass mit Bogen gespielt hat.

 

SZENE: Hat der Dirigent Michael Tilson Thomasdas Tempo und die Arrangements vorgegeben, die ihr gespielt habt?

 

Hammett: Michael hat im Vorfeld die Live-Versionen unserer Songs studiert, um ein Gefühl für das geplante Konzert zu bekommen. Bruce Coughlin hat dann für viele Stücke neue Streicherarrangements geschrieben. Songs wie „Enter Sandmann“, die schon beim ersten Mal dabei waren, hat er so umarrangiert, dass sie jetzt ganz anders klingen. Das ist wirklich cool. Und klassische Kompositionen wie „Scythian Suite“ und "The Iron Foundry" verleihen dem Album einen ganz eigenen Charakter. Mein persönliches Highlight der Show war, als James „The Unforgiven III“ zur Orchesterbegleitung sang. James war extrem nervös, aber er hat einen fantastischen Job gemacht. Das freut mich sehr für ihn. Die haben übrigens sein Gitarrensolo, was wirklich sehr schwer zu spielen ist, mit 40 oder 50 Instrumenten orchestriert.

 

SZENE: Für das Instrumental „The Call Of Ktulu” habt ihr 1999 einen Grammy bekommen. Wolltet ihr die Originalfassung übertreffen, als ihr die Nummer jetzt noch einmal aufgenommen habt?

 

Hammett: Es ist nicht so, dass wir rausgehen mit der Absicht, ein bestimmtes Stück noch besser zu spielen als beim letzten Mal. Wir wollen eigentlich immer alle Songs so gut wie möglich rüberbringen. „The Call Of Ktulu” ist für das Orchester, die Band und das Publikum die ideale Nummer gewesen, um sich aufzuwärmen und die Atmosphäre der Show in sich aufzunehmen. Schon beim nächsten Song waren wir bereit, so richtig auszuteilen.

 

SZENE: Würdest du sagen, dass Metallica und das 80köpfige Orchester auf der Bühne zu einem Klangkörper verschmolzen sind?

 

Hammett: Absolut! Und genau das war die Idee bei diesem Projekt: Metallica und das Orchester sollten zu einer außerordentlichen, gigantischen bewegenden Kraft verschmelzen. Das Ziel der meisten Orchester ist die Einheit, obwohl bei einem Konzert ja zahlreiche verschiedene Dinge passieren. Unsere Band funktioniert übrigens ähnlich. Wir bestehen nicht aus vier individuellen, sondern aus einer kollektiven, gewaltigen Stimme. Bei Metallica werden vier ähnlich gesinnte Musiker zu einer klanglichen Naturgewalt. Deshalb konnten wir das Projekt mit dem Orchester auch völlig ungekünstelt realisieren. Wir sind keine Jazz- oder Jamband, die mit brillanten Soli oder außerordentlich musikalischem Handwerk um die Ecke kommen will. Wir haben die Fähigkeit, genau dort hervorstechen zu können, wo wir hervorstechen wollen.

 

SZENE: Wie offen seid ihr für Genres jenseits der harten Rockmusik?

 

Hammett: Ich liebe es, fast alle Stile auf meinem Instrument zu spielen- Jazz, Klassik, Bossa Nova, Reggae, Country, Blues, Hawaiianische und insbesondere europäische Musik. Ich bin von Natur aus neugierig und will wissen, wie man bestimmte Klänge kreiert. Ich finde es cool, zum Beispiel einen Bossa Nova aus Südamerika zu interpretieren mit Griffen, Akkordfolgen, Tempi und Beats, die ich nie zuvor gespielt habe. Die meisten Stile haben eine oder mehrere Formeln, mit der man sie reproduzieren kann. Jazz hat sogar tausende Formeln, Country vielleicht zehn oder zwölf. Und bei Heavy Metal geht es eigentlich nur um Downpicking, Distortion und Attitüde. (lacht) Ich habe sogar etwas gelernt über deutsche Volksmusik, nur über Schlager weiß ich noch nicht viel, auch wenn diese einen wichtigen Teil der deutschen Kultur darstellen. Ich finde es spannend, mich mit der Geschichte der zeitgenössischen Musik in Deutschland zu beschäftigen.

 

SZENE: Gibt es auch einen Bezug zu klassischen Komponisten?

 

Hammett: Deutsche Komponisten und Musiker hatten den größten Einfluss auf mich. Bevor ich Profi wurde, liebte ich Strauss, Bach und Beethoven. Später entdeckte ich zeitgenössische Musiker wie Michael und Rudolf Schenker für mich. Gegenwärtig finde ich die Band Neu! aus Düsseldorf sehr inspirierend. Keine Ahnung, weshalb ich mich von dem musikalischen Können der Deutschen so angezogen fühle. Aber ich möchte ihnen für die Inspiration danken!

 

SZENE: "The Iron Foundry" von Alexander Mossolow aus dem Jahr 1927 gilt als ein herausragendes Beispiel für futuristische Musik aus der Sowjetunion. Wie war es, das ungewöhnliche Stück live zu spielen?

 

Hammett: Wir haben es ein paar Mal geprobt und als es schließlich saß, schauten wir uns an und dachten: „Was war das“? Das Stück hat ein sehr interessantes Tempo, ich glaube 5/4 oder 5/8. Bei der Live-Aufführung mussten wir uns voll und ganz auf den Dirigenten Edwin Outwater konzentrieren. Es war das erste Mal, dass wir sowas gemacht haben. Wir wussten überhaupt nicht, wann das Stück enden würde. Bei Michael Kamen haben wir die Songs noch so gespielt wie immer und das Orchester hat uns streckenweise begleitet. Diesmal war es eine gänzlich neue Erfahrung.

 

SZENE: Haben Alexander Mossolow und Sergei Prokofiev vor 100 Jahren die Rockmusik vorweggenommen?

 

Hammet: Bei Mossolow klang ein Orchester wie eine industrielle Maschine oder Fabrik. Das ist definitiv nicht weit entfernt von der Attitüde des Heavy Metal. Mossolow und Prokfjew haben diese dunkle Hochenergie mit ganz anderen Instrumenten hingekriegt und Verstärker gab es damals ja auch noch nicht.

 

SZENE: Kannst du Noten lesen?

 

Hammett: Ja, aber ich kann nicht gleichzeitig lesen und spielen, so wie klassische Musiker es tun. Diese Leute können 16 Noten pro Sekunde lesen und spielen. Dafür muss man viele Jahre üben. Wenn du dich dazu entscheidest, Orchestermusiker zu werden, dann musst du täglich sechs Stunden proben – und zwar bis ans Ende deiner Tage. Anders funktioniert es nicht.

 

SZENE: Wie viel hast du persönlich für die „S&M2“-Shows geprobt?

 

Hammett: Ich habe mich vier Wochen vor der ersten Show hingesetzt und intensiv geübt. Täglich sieben bis acht Stunden auf der akustischen Gitarre, was viel schwerer ist als auf der elektrischen. Erst dann hatte ich das Gefühl, dass ich mit dem Orchester mithalten kann. Die machen das aber jeden Tag bis zum Ende ihres Lebens! Unsere Musik erfordert in technischer Hinsicht nicht soviel Hingabe, aber wir sind schon immer sehr gut vorbereitet gewesen.

 

SZENE: Seid ihr an diesem Projekt als Musiker gewachsen?

 

Hammett: Ja, absolut. Normalerweise machen wir unsere Platte nur zu viert. Aber bei „S&M2" waren über 80 Instrumente auf der Bühne. Die Arbeit hat sich gelohnt, weil der Sound dieser Aufnahme einfach fantastisch ist.

 

SZENE: Braucht man eine Obsession, eine absolute Leidenschaft, um als Künstler wirklich voranzukommen?

 

Hammett: Ja, ich bin sehr nach vorne orientiert. Als Musiker mit meinem Anspruch ist es erforderlich, jeden Tag hart zu üben. Ich spiele jetzt seit 40 Jahren Gitarre und will immer noch Neues lernen und ausprobieren. Deshalb höre ich mir so gerne neue Töne und Klänge an. Ich habe ein Auge auf Zukunftstechnologien und wie diese meine Musik und meine Instrumente besser machen können. All diese Dinge beschäftigen mich in meinem Alltag. Ich bin besessen von Gitarren und vom Musikmachen - und ich bewundere meine Helden, denen ich immer noch nacheifere. Ich höre mir dauernd Platten von Jimi Hendrix an, das ist fast schon zu viel des Guten. Aber ich lausche auch fast jeden Tag Klassik und Jazz. Und im Moment fahre ich total auf die deutsche Band Accept ab.

 

SZENE: Was ist so besonders an den Gitarrenriffs aus Hannover, Solingen und anderen deutschen Städten?

 

Hammett: Die Technik, der Sound, das Feeling. Die Deutschen spielen Rockmusik mit klassischen Elementen, um ihr Soundspektrum zu erweitern. Ihr Ton ist sehr selbstbewusst, aggressiv, streitlustig und unvorhersehbar. Das sind alles Eigenschaften, die ich mag. Die Deutschen werden nicht müde, tolle Melodien zu erfinden. Das haben sie von den Klassikern gelernt. Das musikalische Erbe der Deutschen umfasst 700 Jahre. Wir Amerikaner haben nichts Vergleichbares. Wir kopieren immer nur andere und versuchen, aus der Kopie heraus etwas Neues zu erschaffen.

 

SZENE: Metallica werden kommendes Jahr 40 Jahre alt. Ist „S&M2" bereits Teil der Jubiläumsaktivitäten?

 

Hammett: Nein, es ist ein Projekt, das für sich steht und bereits 2019 aufgenommen wurde. Unser Jubiläum findet ja erst 2021 statt. Im Moment kann man eigentlich nichts planen, weil in Amerika ein Virus umgeht. Covid19 spaltet unser Land. Ich fühle mit allen Amerikanern mit, aber als Nation müssen wir noch viel lernen. Alles, was jetzt gerade passiert, wird uns dabei helfen, eine erwachsenere Nation zu werden. Mit so viel Verantwortungsbewusstsein wie Europa. Wir sind eine noch immer junge Nation, die danach sucht, wie man Probleme gemeinsam lösen kann. Deshalb können wir im Moment keine großen Pläne machen. Das stimmt mich sehr traurig. Eigentlich würde ich lieber gemeinsam mit meinem Mitmenschen etwas Freudiges erleben, aber Pandemie und Live-Musik gehen nicht zusammen. Das wird sicher noch eine Weile so bleiben. Ich denke, wir werden wohl eher außerhalb von Amerika wieder live spielen als innerhalb. Im Moment hat ein US-Passport rund um den Globus keine Bedeutung. Ich hoffe, das ändert sich bald und wir können in Europa, Südamerika oder Asien wieder auf Tour gehen. Ich surfe auch gern oder schaue mir Horrorfilme an, aber eigentlich wünsche ich mir nichts sehnlicher, als das zu tun, was wir immer tun: Musik schreiben, sie aufnehmen und auf Tour gehen. Das ist mein Leben. Im Moment fühle ich mich arbeitslos.

 

SZENE: Welches ist der wichtigste Aspekt an Musik?

 

Hammett: Verbindung. Es fasziniert mich, welche positiven Emotionen Musik bei einem Menschen auslösen kann. Über das Herz, den Geist und den Bauch kann sie dich auf eine höhere Stufe heben, wenn die Dinge einmal nicht so gut laufen. Musik hat mein Leben gerettet und mich zu dem gemacht, der ich bin. Sie hat mir eine Stimme gegeben. Ich bin mir absolut sicher, dass ich als Musiker niemals in Rente gehen werde. Ich werde immer spielen für Leute, die mich hören wollen. Alles andere ist für mich von geringerer Bedeutung. Das Corona-Virus unterstreicht das noch einmal, weil es dich über das Leben, den Tod und das, was wirklich wichtig ist, nachdenken lässt.

 

SZENE: Vielen Dank für das Interview!

 

Interview: Olaf Neumann

 

www.metallica.com