Interview: Lia Blue

Lia Blue

(c) Mark Sass

Lia Blue & Roxy

Wir haben uns mit der musikalischen Exotin ganz entspannt in die Stadt gesetzt und über ihr brandneues Album gesprochen! Melancholisch und schwerelos – gegensätzlicher könnte es kaum sein – und trotzdem schafft Lia es, all das zu verbinden und das Publikum in ihren Bann zu ziehen.  Dabei bleibt sie immer authentisch und trägt die Emotionen über ihre Songs an jeden Zuhörer, der bereit ist, sich auf eine verträumte Reise zu begeben. 

SZENE: Dein neues Album Skyfire ist frisch rausgekommen, wie fühlt es sich an?

Lia: Ich weiß nicht, wann ich diesen Traum das erste mal hatte, aber es ist wahnsinnig schön, es nach so vielen Jahren in den Händen zu halten. Vermutlich als ich meine erste CD gekauft hatte – damals noch „No Angels“ – und ich dachte mir dann: das will ich auch! Es war schon relativ früh, da war ich vielleicht 13. Und es ist so unwirklich für mich, dass es jetzt nach so vielen Jahren Wirklichkeit wurde. Ein großer Stein fällt da von meinem Herzen. Zum einen ist da auch etwas Trauer, da ich nun von dem ganzen Prozess Abschied nehmen muss und zum anderen auch Freude, was das alles noch mit sich bringt.

SZENE: Der große Stein fällt nicht nur vom Herzen, sondern kommt langsam auch ins Rollen, oder?

Lia: Auf jeden Fall, er muss auch am Rollen gehalten werden! Die Arbeit fängt ja gerade erst richtig an!

SZENE: Neulich hast du es zum ersten Mal live gespielt, was war das für eine Erfahrung? Wie war das Feedback der Leute? Was hast du für Erfahrungen gesammelt?

Lia: Es sind danach Leute zu mir gekommen, die gemeint haben, dass von allem etwas dabei war: tanzen, träumen, Taschentücher wurden gezückt. Einige haben wirklich Rotz und Wasser geheult, bei meinem Lieblingssong. Es ist auch ein großer Unterschied, wenn Leute die CD in die Hand nehmen, oder mich live sehen, da kommt auch ein ganz anderes Feedback. Ich finde es auch schön, dass sich Songs auf der Bühne auch noch anders entwickeln als auf der CD.

SZENE: Wie lange hast du an dem Album etwa gearbeitet?

Lia: Ins Studio ging es letztes Jahr das erste Mal im November. Und im Februar das letzte Mal. Dann gab es nur noch Feinschliff von der Seite des Studios aus. Effektiv ging das alles vielleicht ein Dreivierteljahr, aber die Arbeit hat ja schon 2015 angefangen. Im April/Mai habe ich beschlossen alles alleine zu machen. Der erste Song, den ich angefangen habe, ist jetzt auch auf dem Album. Das hat wirklich so viel Zeit gebraucht, bis es die Qualität hatte, mit der ich zufrieden war. Ich musste mir auch alles selber beibringen, wie das am PC genau funktioniert. Ich hatte auch gar kein Equipment dafür. Das ist sozusagen alles in diesen 4 Jahren passiert, ich wollte es auch richtig machen!

SZENE: Es ist unfassbar, dass du dir das ganz alleine von 0 auf 100 aufgebaut hast, sozusagen mit eigenen Händen.

Lia: Es ist bei mir auch schon immer so gewesen. Das ist aber alles aus einem Schmerz entstanden: ich hatte damals eine Band, die nach zwei Jahren auseinandergegangen ist. Und ich dachte erst, dass ich angekommen wäre in meinem Leben, als wir zusammen Musik gemacht haben. Als die beiden sich dann von mir getrennt haben, hatte ich plötzlich gar nichts mehr. Es war alles weg, was wir uns aufgebaut hatten. Dieser Schmerz war so groß, dass ich so viel Energie daraus entwickeln konnte, dass ich das auch geschafft habe! Ich kann auch gar nicht mehr so traurig darüber sein, dass es so gekommen ist, weil ich so viel Kraft daraus genommen habe, um Lia Blue zu starten und wirklich auf 100 hoch zu gehen und nicht auf Sparflamme zu bleiben. Und das, was ich mache, fühlt sich einfach authentisch an, weil alles aus meiner Feder stammt. Ich kann mich hinter keinem Song verstecken, weil alles aus meiner Seele kommt und das hört man auch.

SZENE:  Authentizität ist ein wichtiger Punkt bei deiner Musik. Was ist noch charakteristisch für deine Songs?

Lia: Also ich habe sehr weite Sounds, die zum Schweben einladen. Man ist auf einer Welle und kann sich tragen lassen. Gestern hat mir mein Mitbewohner gerade erzählt, dass er beim Einschlafen meine CD eingelegt hat und immer ruhiger wurde, obwohl da auch Songs dabei sind, die auch ordentlich nach vorne gehen! Die Songs sind wie mein Charakter, heiß – kalt, oben in den Wolken – dann wieder zu Tode betrübt. Meine Musik ist sehr gegensätzlich, sie beginnt schwungvoll-tänzerisch und wird dann immer ruhiger. Erst lasse ich alles los und dann lasse ich mich fallen.

SZENE: Was möchtest du anderen Menschen mit deinen Songs mit auf den Weg geben?

Lia: Dass es okay ist, Tränen zu vergießen, dass man auch mal traurig sein darf. Trauer sollte nicht nur negativ gesehen werden, es kann auch eine unglaubliche Kraft entstehen. Man fühlt sich danach viel freier und es kann immer etwas Positives draus entstehen.

SZENE: Wie würden deine engsten Freunde dich beschreiben?

Lia: Also ich bin definitiv eine Tagträumerin. Echt, das stand sogar schon in meinem Zeugnis: Alina träumt die ganze Zeit in der Schule und passt nicht auf...  Aber wenn ich da so träume, dann bin ich ganz tief in meinen Gedanken. Und das sagt man mir auch oft, dass ich sehr tiefgründig sein kann, dass man mit mir nicht nur über den Tag redet, sondern auch über sehr emotionale Sachen. Ich hole sozusagen das Tiefste aus dem Menschen heraus.  

SZENE: Welches Vorbild hat dich am stärksten geprägt?

Lia: Ich habe damals von meinen Eltern so eine Gitarre als Bilderrahmen bekommen. Da hatte ich dann Bilder von David Bowie, Portishead – die Sängerin guckt immer so wahnsinnig melancholisch – aber das hatte ich auch drin, dann noch Archive, Florence and the Machine und The xx. Ich glaube The xx hat mich am stärksten geprägt von der Instrumentalisierung. Die haben mir gezeigt, dass man auch ganz minimalistische Melodien haben kann, die Menschen auch abholen können. Also danke an The xx, dass ihr mich auf diesen Weg gebracht habt!

SZENE: Esco hat dich mit an Bord geholt für den neuen Song „Lautlos schreien“. Dort geht es um die Rückschläge der Realität und die Ansage, sich damit nicht zufrieden zu geben. Findest du dich auch selbst in dem Song wieder?

Lia: Es ist natürlich total cool gewesen, dass wir das zusammen gemacht haben. Sie haben ja komplett den Text geschrieben und mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dazu zu singen. Ich hatte mir eigentlich auch gar keine Gedanken darüber gemacht, was der Song so aussagt. Aber jedes Mal, wenn wir zusammen gesungen haben, habe ich gemerkt, dass ich Gänsehaut bekomme. Gerade der Sound am Anfang geht sehr tief und ich finde es total gut, dass der Song eine eher gesellschaftskritische Richtung eingeschlagen hat. Alle Menschen haben irgendwie einen Traum und diesen kann man sich nur erfüllen, wenn man daran arbeitet. Es nützt nichts, zu sagen, dass alles blöd ist, man muss eben was dafür machen. Ich ertappe mich natürlich auch oft dabei, dass ich mal meckere, aber dieser Song holt mir das alles noch mal vor Augen.

SZENE: Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit Esco?

Lia: Ich hab sie damals bei dem Entscheid gesehen, als es um diesen Rostock-Song ging. Und da fand’ ich die total cool. Und dann war ich bei einem Konzert und wir sind gegenseitig aufeinander aufmerksam geworden. Ich weiß auch gar nicht mehr wer auf wen. Dann haben sie mich gefragt, ob ich auf ihrer Release-Party auftreten möchte als Support. Und da war das Eis gebrochen. Wir haben schnell gemerkt, dass wir uns zwischenmenschlich total gut verstehen. Mit Thomas schreibe ich auch die längsten WhatsApp-Nachrichten, wir haben voll den Draht zueinander gefunden. Im März hatten wir in Neubrandenburg einen Auftritt zusammen und da wurde ich gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte bei ihrem Song mitzusingen. Wir wollen auf jeden Fall auch noch einen weiteren Song machen!

SZENE: Welcher deiner Songs liegt dir persönlich besonders am Herzen?

Lia: David und ich haben ja überlegt, welchen Song wir als Single zuerst veröffentlichen möchten. Puh, war das schwierig! Dann hat David angerufen und mich gefragt, was eigentlich mein Lieblingssong ist. Dann wurde es Puppet on a String, was auch sein Lieblingssong war. Der Song vereint auch alles: er ist komplett no-mainstream, er geht ganz abgefahren los, dann kommt die minimalistische Gitarrenmelodie und der Gesang, später geht es dann richtig ab und dann das Instrumentale. Das symbolisiert so diesen Umbruch bei mir. Am Liebsten höre ich aber Skyscrapers, weil es ein ganz anderer Ton ist, da bekomme ich wirklich gute Laune! Da ist aber auch noch ein Song drauf, den ich für meinen Papa geschrieben habe, den finde ich von der Story her sehr intensiv. Mein Papa war so traurig und das hat mich selbst traurig gemacht, so habe ich dann diesen Song geschrieben. Dieser ist mir auch sehr ans Herz gewachsen. Es ist auch wirklich ein Song, den ich FÜR jemand anderen geschrieben habe, damit ich ihm ein bisschen die Trauer nehmen kann und das hat auch einen ganz anderen Stellenwert. 

SZENE: Du bist jetzt seit 10 Jahren in Rostock, was schätzt du besonders an der Musikszene hier in der City?

Lia: Ich glaube, ich bin da eine kleine Exotin in der Stadt, was die Musik angeht. Ich finde es auch etwas schade, dass es wenig Frauen in der Musikszene gibt. Also die Männer sind hier alle cool, sie haben sehr viel Wissen an mich weiter gegeben. Aber ich wurde auch oft überrascht. Milan kannte ich zum Beispiel noch gar nicht und er hatte mich gefragt, ob ich auf seiner Release-Party auftreten möchte und das ist ja auch so schön, dass man da so offen ist. Es wird oft über den Tellerrand geschaut was neue Musiker angeht und das gefällt mir echt gut.

SZENE: Vielen Dank für das Interview!

 

Interview: Roxy