Interview: Im Nightliner mit den Toten Hosen

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ISeit 1975 hat Gerhard Polt alle Preise, die es hierzulande in der Sparte Kabarett gibt, abgeholt. Der gebürtige Münchner, der sich selbst als Brettlkünstler bezeichnet, prägte mit seinem eigenwilligen Humor jahrzehntelang das deutsche Kino und Fernsehen, von dem er sich mittlerweile verabschiedet hat. Ein Gespräch mit dem 78-jährigen Polt und dessen Bühnenpartner Michael Well über das Jubiläumsalbum „40 Jahre“, die enge Zusammenarbeit mit den Toten Hosen und eine denkwürdige Begegnung mit Gerhard Schröder

 

SZENE: Seit Mitte der Achtzigerjahre sind Sie mit den Toten Hosen eng verbandelt, nachdem ihr euch beim Anti-WAAhnsinns-Festival gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf kennen gelernt hattet. Wie wichtig war Punk für euch persönlich?

 

Michael Well: Das erste Mal von Punk gehört habe ich 1978 in England. Mein Bruder Stofferl trug immer kurze Lederhosen. Da haben ihm Kinder hinterhergerufen: „O, it’s Punk!“ Was wir machen, hat etwas Unangepasstes, Nonkonformes, Anarchistisches und Unberechenbares. Die Toten Hosen und wir sind Brüder im Geiste.

 

SZENE: Seid ihr die „bösen Jungs“ der bayerischen Volksmusik, die mit ruppiger Musik und rüdem Auftreten als Gegenspieler zu den adretten Volksmusikanten wahrgenommen werden wollen?

 

Gerhard Polt: Die Volksmusik, die wir in Bayern haben, gibt es im restlichen Deutschland nicht. Das ist eine eigenständige alpenländische Musik mit einer unheimlichen Tiefe. Von ihr waren nicht zuletzt Komponisten wie Mozart beeinflusst. Der Bayerische Rundfunk hat viele Jahre lang die traditionelle Musik gepflegt. Und plötzlich kamen Leute wie die Well-Brüder daher und machten auf diese Klänge, die sie mit der Muttermilch aufgesogen hatten, neue rebellische, sozialkritische und freche Texte. Der Bayerische Rundfunk, der damals fest in der Hand der CSU war, reagierte darauf sehr empfindlich. Dieser Umstand machte diese Musiker bekannt bei Leuten, die nicht mit dem Mainstream einverstanden waren. Dazu kam Wackersdorf, ein Politikum ersten Ranges.

 

SZENE: Hatte der BR gegen euch ein Sendeverbot verhängt?

 

Well: Wir kamen jahrelang nicht mehr im Rundfunk vor. Es war eine Überreaktion. Jetzt passiert genau das Gegenteil und sie spielen Kabarett und Heimatsound rauf und runter. Mittlerweile gibt es sehr gute Gruppen.

 

SZENE: Ihr singt nicht nur im Dialekt, sondern verwendet auch traditionelle Instrumente wie die Quetschn, die Harfe oder die Zither. Was genau ist der Reiz daran?

 

Well: Es hat eine gewisse Form von Authentizität. Eine Tin Whiste in Irland harmoniert in gewisser Weise mit der Musik, den Menschen und der Landschaft. Bei uns hat sich der Fundus an traditioneller Musik einigermaßen herübergerettet.

 

Polt: In Hessen zum Beispiel hat man das nicht. Deshalb klingt das, was wir machen, für andere Ohren exotisch. Mir wurde immer gesagt, dass der bayerische Dialekt sehr angenehm für die Ohren ist. Vom Charme oder Klang her finde ich süddeutsche Dialekte im Prinzip angenehmer als nördliche. Das Nördliche kommt mir oft blutärmer vor, auch wenn das ein Vorurteil sein mag. Nichtsdestotrotz bin ich ein großer Bewunderer von Wilhelm Busch, der nicht zu vergessen lange in München lebte. Zu seinen großen Inspirationen zählten die Jesuiten und die Pfaffen. Er ist sehr bereichert nach Hause gegangen. Ich glaube, in München hat er viel über Scheinheiligkeit gelernt.

 

SZENE: Markus Söder und Alexander Dobrindt von der CSU und Alice Weidel von der AfD (=Asyl für Deppen) kriegen von euch ihr Fett weg. In „Ekzem-Gstanzl“ heißt es: „Manche Frauen habe Haare auf den Zähnen, das liegt in ihrer Natur. Aber bei Alice Weidel hat jeder Zahn eine eigene Frisur“. Lebt das Kabarett von Feindbildern wie diesen?

 

Polt: Gstanzl singen ist eine eigene Kunstform und gehört zur alpenländischen Tradition. Das gibt es nur hier. Dabei singt man aus dem Stand etwas Spöttisches zu einer bekannten Melodie. Je ironischer, desto besser. Das Gstanzl hatte Vorläufer. Ein berühmter politischer Sänger hieß Roider Jackl. Er war ein einigermaßen böser Chronist seiner Zeit.

 

SZENE: Der Mensch sei ein Paradies für Schädlinge aller Art, behauptet ihr auf eurem  Jubiläumsalbum: für Waffenhändler, Religionen oder Fußpilz. Wieso ist der Mensch denn so anfällig für Ungeziefer und Parasiten?

 

Polt: Wenn ich das wüsste, dann wüsste ich viel. Es gibt eine Parabel über Buddhisten, die in Tibet sitzen und meditieren. Dem Lehrbub wird’s langweilig und er fragt: „Was ist jetzt eigentlich der Mensch?“ Und schon hat er eine Ohrfeige weg. Die Frage, was ein Mensch ist, hat noch nicht einmal Sophokles gelöst. Und Söder auch nicht. Der Mensch ist ein Ozean. Ein Universum.

 

SZENE: In „40 Cent“ begegnen wir einem rappenden militanten Milchbauern aus Ammergau. Dieser will mindestens 40 Cent je Liter Milch garantiert haben - oder Müller-Milch, Aldi, alle Autos, und die Bayerische Staatskanzlei würden brennen.  Wollt ihr damit ausdrücken, dass in vielen Bayern kleine Anarchisten schlummern?

 

Well: Das Grundrebellische ist ein bayerisches Element, obwohl jetzt sehr viele CSU wählen. Die kleinen Milchbauern sehen natürlich, dass Landwirtschaft seit Jahrzehnten gefördert und immer größer wird, während sie selber den Bach runter gehen. Sie sind dem schwankenden Milchpreis ausgesetzt.

 

Polt: Und den ostdeutschen und norddeutschen Fleischfabrikanten. Die haben zum Teil 1400 Kühe. Da, wo ich wohne, besitzt der Durchschnittsbauer 30 Tiere. Aber er sitzt von der Landwirtschaftspolitik her im selben Boot wie die großen Fleischfabrikanten, die die ganzen Böden güllisieren.

 

SZENE: Haben die vielen Fleischskandale euch zu Veganern gemacht?

 

Polt: Nein. Ich sage immer: Ein Veganer vegetiert. Wir wissen ja, wo wir unser Fleisch herholen. Ich kauf’s ja nicht beim Tönnies.

 

Well: Es ist ein langer Prozess, eine Gesellschaft dahinzubringen, dass man das, was man isst, auch wertschätzt. Früher war Essen eine lästige Nebentätigkeit, aber zumindest war da nichts Schlimmes drin.

 

SZENE: Kabarett ist auch immer wieder eine Form des Widerstandes gegen undemokratische Verhältnisse gewesen, z.B. im Dritten Reich, in Polen, in der Tschechoslowakei und der DDR.

 

Polt: Ich habe mit Werner Finck noch einen klassischen großen Kabarettisten kennengelernt. Er hat das Dritte Reich mit Müh und Not überlebt. Das deutschsprachige Kabarett gab es eigentlich nur in drei Städten: Berlin, Wien und München. Nach dem Zweiten Weltkrieg war eine der ersten Städte Düsseldorf. Wobei ich nicht zum Kabarett gehöre, ich würde mich als Brettlkünstler bezeichnen. Auch Karl Valentin war kein Kabarettist im klassischen Sinne.

 

SZENE: Wie habt ihr Werner Finck kennengelernt?

 

Polt: Ich habe politische Wissenschaften studiert. In einem Seminar über Freiheit saß neben mir ein Mann, den ich nicht genau einordnen konnte. Das war der Werner Finck. Der Dozent war ein Freund von ihm. Finck hat uns immer nach dem Seminar in den Wienerwald am Odeonsplatz eingeladen und aus seinem Leben erzählt. Er wurde zuerst von Goebbels belobigt, dann aber in ein Strafbataillon gesteckt. Mit viel Glück hat er überlebt.

 

SZENE: Wie steht es heute um die Demokratie in Deutschland?

 

Polt: Um unsere Demokratie habe ich keine Angst. Aber ich habe Angst vor der Entwicklung auf dieser Erde. Wo wir hinschauen, sehen wir Typen schlimmer als in der Geisterbahn.

 

SZENE: Wie nah seid ihr den Mächtigen schon gekommen?

 

Polt: Wir hatten ein großes Erlebnis zu Kanzler Schröders Zeiten in Hannover im Schauspielhaus. Da waren mindestens 20 Polizisten mit Bombenhunden unterwegs. Uns wurde gesagt, dass Frau Schröder in unsere Vorstellung käme; ob auch ihr Mann erscheinen wird, war unsicher. Dann hieß es, er käme später, er sei noch in Finnland. Die zweite Reihe in der Mitte war noch frei. Stofferl

Well meinte: „Das ist ja logisch. Wenn von hinten einer schießt, dann ist der vorne weg und der Kanzler ist gerettet“. Dann kam das Ehepaar Schröder tatsächlich rein. Der Stofferl fing an zu spielen, das Licht ging aus und in dem Moment machte es Peng! Wie ein Schuss. Es war aber nur eine Lampe zerplatzt.

 

SZENE: Habt ihr den Kanzler an dem Abend noch persönlich getroffen?

 

Polt: Er kam in der Pause zu uns herein und lud uns in ein fränkisches Lokal in der Nähe ein. Nach der Vorstellung saßen wir dort mit ihm, seiner Frau und einem italienischen Maler zusammen. Ich habe ihn gefragt: „Teilen wir uns ein Blunsngröstl?" Es dauerte fünf Minuten, bis ein Bodyguard hereinkam und dem Kanzler etwas ins Ohr flüsterte. Schröder entschuldigte sich bei uns und verschwand.

 

SZENE: Kam er wieder zurück?

 

Polt: Nach einer gefühlten Stunde kam er tatsächlich zurück - leichenblass. Ich sehe heute noch seine Schweißtropfen auf der Stirn vor mir. Der Stofferl Well fragte ihn ungeniert: „So, haben wir jetzt lang telefoniert. Es würd’ uns schon interessieren, wer um solch eine Zeit noch anruft“. Schröder versuchte, der Frage auszuweichen, da hakte Stofferl nach: „Ja, war es vielleicht der Blair?“ „Ja, es war der Blair“. Stofferl: „Jetzt interessiert uns aber, was der Blair so gesagt hat.“

 

SZENE: Und: Hat der Kanzler aus dem Nähkästchen geplaudert?

 

Polt: Jetzt kommt der Punkt, den werden wir nie vergessen. Dieser neben mir sitzende Kanzler sagt folgenden Satz: „Was will man machen? Die wollen auf alle Fälle ihren Krieg!“ Das war der Irakkrieg. Der Blair hat eine Stunde lang auf Schröder eingeredet, dass Deutschland in den Krieg mit eintreten soll. Der Kanzler sah wirklich angegriffen aus. Wie wir alle wissen, ist Deutschland nicht mit in den Krieg gezogen.

 

SZENE: Zurück zu den Toten Hosen: Wenn ihr mit der Band spielt, kommen zu euch dann auch Leute mit martialischen Tattoos und Nasenringen?

 

Polt: Den ersten größeren Auftritt mit den Toten Hosen hatten wir im Wiener Burgtheater. Da sind sich zwei Menschengattungen begegnet, die gar nicht für möglich gehalten haben, dass es so was überhaupt gibt. Wie Aliens. Aber diese Entweihung des deutschsprachigen Theatertempels schlechthin verlief verrückterweise harmonisch.

 

SZENE: Tote-Hosen-Sänger Campino ist bekannt für sein halsbrecherisches Stagediving. Beneidet ihr ihn darum?

 

Polt: Ich sicher nicht!

 

Well: Wir machen ja auch so was. Wir haben mal einen Schuhplattler gemacht, der in Teakwondo überging. Dabei ist bei mir der Meniskus gerissen.

 

SZENE: Wenn die Rolling Stones heute ein Konzert spielen, reist jeder Musiker mit seiner eigenen Luxuslimousine an. Wie haltet ihr es damit?

 

Polt: Wir sind Kleinunternehmer. Das erste Mal haben wir erlebt, was Luxus ist, als wir im Nightliner mit den Toten Hosen mitfahren durften. Da haben wir vor der Hochkultur Respekt bekommen.

 

SZENE: Was bedeutet Luxus für euch?

 

Polt: Was er für mich bedeutet, weiß ich nicht. Aber ich kann dir einen Satz sagen: Ex oriente lux, ex occidente Luxus. (Aus dem Osten das Licht, aus dem Westen der Luxus).

 

SZENE: Würdet ihr gern noch einmal im Nightliner der Toten Hosen mitfahren?

 

Well: Nicht nur wegen dem, es macht einfach Spaß, mit den Toten Hosen auf der Bühne zu sein. Vielleicht machen wir ja mal eine gemeinsame Operntour. Der Gerd spielt den Frosch in der aktuellen „Fledermaus“-Inszeniering an der Münchner Staatsoper. Wir geben da immer eine kleine Einlage. Eigentlich hätten auch die Toten Hosen mitspielen sollen, aber es ging zeitlich nicht.

 

Polt: Daran sieht man, wie die Welt sich verändert. Früher hätte es das nicht gegeben.

 

SZENE: Ab Oktober wollt ihr wieder auf Tour gehen. Unter welchen Voraussetzungen werden die geplanten Auftritte stattfinden?

 

Polt: Ob wir die geplanten Konzerte auch spielen, steht in den Sternen. Eines spielen wir aber mit Sicherheit. An einem Sonntag treten wir um 11, 15 und 19 Uhr auf. Zwischendurch muss alles desinfiziert werden. Würden wir nicht auftreten, würden die Veranstalter pleitegehen mit allen Konsequenzen.

 

SZENE: Sind freischaffende Künstler systemrelevant?

 

Polt: Das ist ein Thema, wo es sich lohnt zu rebellieren. Ich finde den Ausdruck „systemrelevant“ ungeheuerlich. Noch dazu vorgetragen von höheren Stellen. Spielen hat für die nicht den Wert von Arbeit. Und auf der anderen Seite die große Klappe von der Solidarität. Systemrelevante Solidarität ist ein Paradoxon in sich. Nicht nur Künstler und Musiker, es gibt so viele Leute, die von der Politik als nicht systemrelevant eingeschätzt werden. Die Reisebranche gehört nicht dazu, die kriegt drei Milliarden.

 

Well: Wir haben seit dem 1. März keinen Auftritt mehr gehabt. Die Kultur wurde in den ersten fünf, sechs Wochen von der Politik überhaupt nicht erwähnt. Wenn in Deutschland Regeln aufgestellt werden, dann wüten die. Seit der Katastrophe in Duisburg ist der Brandschutz bei Veranstaltungen extrem verschärft worden. Das gleiche passiert gerade mit Corona.

 

SZENE: Was wünscht ihr euch von der Politik?

 

Polt: Ich würde Künstler in jeder Hinsicht finanziell unterstützen, so dass sie ihre Mieten zahlen können. Und man müsste die bisherigen Maßnahmen überdenken. Wenn ich mit einem vollen Flugzeug nach Mallorca fliegen darf, wieso dürfen dann in ein großes Theater nur 100 Leute rein? Hier in München treffen sich regelmäßig 2000 junge Leute ohne Mundschutz vorm Gärtnerplatztheater, um bis morgens um drei Bier zu trinken. Aber nach jeder Vorstellung müssen 100 Theaterbesucher über den vollen Platz laufen. Die Maßnahmen sind zum Teil absurd.

 

SZENE: Vielen Dank für das Interview!

 

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Foto: © Hans Peter Hosel