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Interview: Grey Daze

Die Stimme aus dem Jenseits.

Vor drei Jahren nahm Chester Bennington sich das Leben. Der Frontmann der US-Rockband Linkin Park verstand es, in seinem Gesang den Zorn und die Zerrissenheit einer ganzen Generation auszudrücken. Der unter Depressionen leidende 41-jährige Superstar hatte eigentlich seine Dämonen besiegt und stand kurz davor, ein neues Album mit seiner ersten Band Grey Daze aufzunehmen – aber das war ein Trugschluss. Jetzt haben die Musiker um Benningtons besten Freund Sean Dowdell ausgewählte Gesangsaufnahmen des Verstorbenen mit neuen Arrangements kombiniert und das Resultat „Amends" getauft. Unterstützt werden sie auf dem Album von Bandmitgliedern von Korn, Bush, Helmet, P.O.D und Adema. Mit Dowdell sprach Olaf Neumann über Trauer, Schuldgefühle und Heilung.

 

SZENE: Grey Daze war Ihre und Chester Benningtons Band, die die Alben „Wake Me“ (1994) und „No Sun Today“ (1997) veröffentlichte, bevor Bennington Linkin Park beitrat.In welchem Stadium war die Wiedervereinigung von Grey Daze, als Chester starb?

Sean Dowdell: Die ursprünglichen Stücke haben wir mit Chester ja schon in den 1990er Jahren aufgenommen, als sie geschrieben wurden. Er wollte eigentlich nach seiner letzten Tour mit Linkin Park mit uns ins Studio gehen, um ausgewählte Songs von Grey Daze neu einzuspielen. Auch Auftritte waren geplant. Das ist aus bekannten Gründen nicht passiert. Wir haben uns dann zusammengesetzt und versucht, seine Vision von der geplanten Platte zu rekonstruieren. Anschließend haben wir diverse Songs neu aufgenommen – und zwar mit Chesters original Gesangsspuren.

 

SZENE: Mitglieder von Korn, Bush, Helmet, P.O.D und Adema gastieren auf dem Album. War es für diese Stars selbstverständlich, Ihnen zu helfen?

Dowdell: Das war eine natürliche, organische Entwicklung. Während des Produktionsprozesses sind immer mehr Freunde von Chester und mir zu dem Projekt gestoßen. Es gibt eine Menge Leute, mit denen Chester gern gespielt hätte aufgrund gegenseitiger Bewunderung.

 

SZENE: Wie fühlt es sich an, wenn Sie sich jetzt diese Songs mit seiner Stimme anhören?

Dowdell: Diese Musik weckt starke Gefühle in mir - und natürlich Erinnerungen. Ich versuche, mich auf die positiven Erlebnisse mit Chester zu fokussieren und nicht auf den traurigen Umstand, dass wir ihn verloren haben. Wir haben tausende schöne Momente miteinander erlebt. Die möchte ich mir bewahren, indem ich darüber spreche. Die Arbeit an der Platte war für uns alle sehr emotional.

 

SZENE: Verstehen Sie „Amends“ als eine Wiedergutmachung gegenüber Chester?

Dowdell: Der Ausdruck "Amends" (Wiedergutmachung)stammt aus dem Song "Morei Sky". Im Refrain heißt es: „Wenn ich eine zweite Chance hätte, würde ich es wieder gut machen. Nur um mich am Ende als Verlierer wiederzufinden“. Diese Zeilen haben für uns nach Chesters Tod eine tiefere Bedeutung bekommen. Denn hier klingt er, als hätte er sich damals nicht das Leben genommen und sei am nächsten Morgen wieder aufgewacht. Der Song fühlt sich für uns an, als würde er jedes verbliebene Bandmitglied um Verzeihung bitten. Es ist eine Entschuldigung aus dem Jenseits.

 

SZENE: Als sich Chester Bennington am 20. Juli 2017 in seiner Villa in Palos Verdes Estates im Alter von 41 Jahren das Leben nahm, befanden Sie sich gerade in Las Vegas auf Interview-Reise.Fühlen Sie sich ihm gegenüber schuldig, weil Sie ihn nicht retten konnten?

Dowdell: Ja, ich trage diese Schuldgefühle jeden Tag mit mir herum. Ich bin so eng mit ihm befreundet gewesen. Dass ich das nicht habe kommen sehen, hat in mir Selbstvorwürfe ausgelöst, die ich nicht mehr loswerde. Die Nachricht von seinem Freitod gehört zu den furchtbarsten Momenten meines Lebens. Ich halte mich für einen einigermaßen intelligenten Zeitgenossen, aber ich habe nicht kapiert, dass mein Freund mit sich selbst so unglücklich war, dass er sich das Leben nehmen wollte. Das quält mich jeden Tag. Diese Schuldgefühle werde ich wahrscheinlich mit ins Grab nehmen.

 

SZENE: Tut es noch immer weh, über ihn zu sprechen?

Dowdell: Es macht mich immer noch traurig. Ich vermisse ihn. Und zwar jeden Tag. Ja, das tut weh. Gleichzeitig ermöglicht mir diese Erfahrung eine Plattform, auf der ich über meinen Freund sprechen kann - und zwar auf eine Weise, wie ich es sonst nicht getan hätte. Das ist Teil des Heilungsprozesses. Chester Bennington war ein toller Mensch, Freund, Vater und Ehemann. Aber auch ein großartiger Sänger. Aber das zählt für mich persönlich heute weniger. Ja, ich bin immer noch traurig, aber ich genieße es auch, über ihn zu sprechen.

 

SZENE: Das erste Mal begegneten Sie Chester Anfang 1992. Zu dem Zeitpukt war er 15 Jahre alt. Träumten Sie beide davon, Rockstars zu werden?

Dowdell: Wir träumten nicht davon, wir waren fest davon überzeugt, Rockstars zu werden. Da war ein großes Verlangen in uns, dem wir jeden Tag folgten. Jedes Mal, wenn wir eine Bühne betraten, spürten wir, dass sie uns gehört. Wir liebten dieses Leben. Das ist der Grund, weshalb Chester so groß wurde in der Rockwelt. Seine Leidenschaft für Musik hat er sich bis zuletzt bewahrt. Er war vom ersten Moment an ein echter Rockstar.

 

SZENE: SZENE: Ihr erster gemeinsamer Tonträger war eine Kassette - "Sean Dowdell and His Friends". Auflage: 200. Gibt es die noch?

Dowdell: Unser erstes Demotape hieß „SD & Friends“, ja. Ich besitze noch eine Kopie davon. Im Internet werden die Dinger für einen Haufen Geld gehandelt. Tausende von Dollar. Die Musik ist okay. Das Demo haben wir 1992 aufgenommen, sieben Monate, nachdem wir uns kennengelernt hatten. Man hört schon, wie talentiert Chester war.

 

SZENE: Linkin Park war mit 130 Millionen verkauften Tonträgern die kommerziell erfolgreichste Band des 21. Jahrhunderts. Warum wollte Chester da Grey Daze unbedingt wiederbeleben?

Dowdell: Er rief mich 2017 an. Wir hatten vor, eine größere Party für unsere gemeinsame Firma Club Tattoo zu geben, bei der wir auf die Bühne gehen und lustige Sachen machen. Dabei erzählte mir, dass er es vermissen würde, eine eigene Rockband zu haben. Er wollte gern wieder mit mir Musik machen und schauen, wohin das führt. Wir sprachen dann viel über logistische Dinge und beschlossen, einige unserer alten Songs neu aufzunehmen für ein Album, welches Ende 2017 erscheinen sollte. Produzieren sollte es Sylvia Massey, die mit Rick Rubin, Johnny Cash, Aerosmith, Slayer und den Red Hot Chili Peppers gearbeitet hat. Zu Chesters Lebzeiten entstanden bereits Demos von drei Titeln. Nach dem er die Stone Temple Pilots verlassen hatte, suchte er nach neuen kreativen Ausdrucksformen. Linkin Park allein genügte ihm nicht. Im Lauf der Jahrzehnte haben wir immer wieder darüber gesprochen, Grey Daze wiederzubeleben. Und 2017 war die Zeit reif dafür.

 

SZENE: Der Song „Sickness“ handelt von Chester, der immer mehr wollte: mehr Geld, mehr Ruhm, mehr Liebe - glauben Sie, dass dieses Gefühl von Unvollkommenheit ihn am Ende krank gemacht hat?

Dowdell: Der Text zu diesem autobiografischen Song stammt im Wesentlichen von Chester. Er handelt davon, sich leer zu fühlen. Nicht glücklich zu sein mit sich selbst. Dieses Gefühl von Unvollkommenheit hat ihn wahrscheinlich krank gemacht. Sein Schmerz, seine emotionalen Qualen haben ihn neben anderen Dingen zu einem großen Sänger gemacht. Von Chester fühlten sich viele Menschen mit ähnlichen Problemen magisch angezogen. Sie konnten sich identifizieren mit dem Schmerz, den er mit seiner Stimme ausgedrückt hat.

 

SZENE: Ein anderer Song heißt “Just like Heroin”. Glauben Sie, dass seine Sucht ein Mitauslöser für seine psychischen Probleme war?

Dowdell: Chester hatte Probleme mit Alkohol, aber er hat nie Heroin genommen. Jedenfalls weiß ich nichts davon. Diesen Song haben wir gemeinsam geschrieben. Darin beklagen wir den Verlust unserer Idole. In den 1990er sind Layne Staley von Alice in Chains, Kurt Cobain von Nirvana, Shannon Hoon von Blind Melon, Andrew Wood von Mother Love Bone und Bradley Nowell von Sublime gestorben. Wir hatten irgendwann genug davon, Musiker, die wir liebten, an die Drogen zu verlieren. Ich glaube auch nicht, dass dieser Song Chesters Abhängigkeit ausgelöst hat.

 

SZENE: Warum sind viele Künstler so selbstzerstörerisch?

Dowdell: Eine gefolterte Seele zu sein, kann große Künstler heranbilden. Die Fähigkeit, Schmerzen durch Kunst auszudrücken, macht einen bedeutenden Künstler aus. Deswegen verfallen so viele Musiker den Drogen oder begehen im Extremfall Selbstmord. Sie haben das Gefühl, nicht gut genug zu sein, um geliebt zu werden. Chester hat sich immer unzulänglich gefühlt. Wir haben darüber oft gesprochen. Ich sagte ihm, dass es so viele Leute gebe, die ihn liebten. Damit meinte ich keine anonymen Fans, sondern echte Menschen in seiner unmittelbaren Nähe - wie mich, seine Frau, seine Kinder, seine Eltern, seine Geschwister. Wir alle liebten ihn um seiner selbst willen. Trotzdem hatte er ständig Angst, nicht zu genügen. Aus meiner Sicht ist das einer der Gründe, weshalb er sich das Leben genommen hat. Diese Tragödien wiederholen sich leider oft bei Leuten, deren Kunst wir so lieben.

 

SZENE: Wie können wir diesen Menschen helfen? Sollten sich die Plattenfirmen mehr engagieren?

Dowdell: Menschen, die psychisch instabil sind, verheimlichen ihre Erkrankung oftmals. Chester war nach außen hin einer der lustigsten Typen, die mir je begegnet sind. Er hat ständig gelacht und Witze gerissen. Oder der Komiker Chris Farley. Er war einer der lustigsten Menschen auf Erden - und eine gequälte Seele. Er hasste sich selbst. So auch Robin Williams. Alle liebten ihn – aber er brachte sich trotzdem um. Wenn sich jemand nicht selbst liebt, ist es für Außenstehende sehr schwer, das zu erkennen. Das ist das größte Problem. Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe von Plattenfirmen ist, sich um psychisch kranke Künstler zu kümmern. Der enge Personenkreis um sie herum kann ihnen viel eher helfen. Wir haben Chesters Tod nicht kommen sehen, es ist also nicht unsere Schuld, aber wir fühlen uns deshalb kein bisschen besser. Es war für uns alle ein Schock. Zwei Tage vor seinem Suizid habe ich noch mit ihm gesprochen. Er fühlte sich spitze und war ganz aufgeregt, unsere Band neu zu starten. Es passierten gerade viele spannende Dinge in seinem Leben. Es macht aus meiner Sicht keinen Sinn, dass er sich 48 Stunden später das Leben nahm. Depression ist einfach eine heimtückische Krankheit. Sie übermannt dich in Momenten, in denen du dich schwach und einsam fühlst und niemand da ist, mit dem du reden kannst. Genau das ist mit Chester passiert.

 

SZENE: Wie haben Sie auf die Nachricht von seinem Tod reagiert?

Dowdell: Ich war entsetzt. Zuerst dachte ich, man wolle mich verarschen - und so rief ich ihn an. Fünfmal nacheinander, was völlig irrational ist. Ich wollte an einen schlechten Scherz glauben und von ihm persönlich hören, dass es ihm gut geht. Das ist aber nicht passiert. Ich habe dann seine Frau Talinda angerufen, die natürlich längst Bescheid wusste. Das war der Moment, in dem ich entschied, diejenigen zu unterstützen, die in der ersten Reihe standen. Also bin ich nach Kalifornien zu Talinda und ihren Kindern geflogen, um das Begräbnis zu organisieren. In solchen Situationen muss man versuchen, stark zu sein für die engsten Angehörigen. Ich brauchte vier Monate, um mit dem Verlust zurecht zu kommen. An die Beerdigung habe ich nur noch bruchstückhafte Erinnerungen. Ich habe eine vierseitige Trauerrede gehalten, aber das ist alles weg, weil der Schock so stark war.


Grey Daze: "Amends"(Loma Vista Recordings/Universal) – VÖ: 26.6.2020

 

 

Interview: Olaf Neumann