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Interview: Enrico de Pieri. Das ist Wahnsinn!

(c) Dita Vollmond

Von der skurrilen Horrorpflanze Audrey Zwo, über den zauberhaften Dschinni, bis hin zum Brummifahrer Peter! Enrico de Pieri schlüpft in jede noch so verrückte Rolle und erweckt diese auf zauberhafte Art zum Leben! Doch nun schlägt sein Herz für das neue Wolfgang Petry Musical „Das ist Wahnsinn“ und lässt die Publikumsreihen nur so toben! Humor und Herz stehen ganz nah beieinander und verwandeln den Abend zu einem unvergesslichen Erlebnis!

 

SZENE: Anfang April startet ja die Wahnsinn(s) Tour durch ganz Deutschland und am 9. bist du auch bei uns in der StadtHalle Rostock zu Gast! Das Musical „Das ist Wahnsinn!“ ist keine übliche Biographie von Wolfgang Petry, worum geht es da genau und welche Rolle übernimmst du?
 

 

Enrico: Ich weiß nicht, ob du den Film damals gesehen hast, aber es ist so ein bisschen wie „Tatsächlich Liebe“. Es sind vier Liebesgeschichten, die zwar alle für sich stehen, aber trotzdem irgendwie verbunden sind durch einen roten Faden. Es dreht sich um vier Liebespaare in verschiedenen Phasen ihrer Beziehung. Und zwar spiele ich den Peter, der seit rund zwanzig Jahren mit seiner Frau Sabine verheiratet ist, sie aber wegen seines Jobs ein wenig vernachlässigt. Irgendwann wird ihr das zu viel und sie will ihre Sachen packen. Also beginnt es bei uns direkt mit der Trennung. Dann gibt es aber auch den jungen Tobi, der seine erste große Liebe kennenlernt und auf dem Weg ist, ein Popstar zu werden. Er möchte also Musik machen und gerät in Konflikt mit seinen Eltern. Sein Vater war nämlich selbst mal berühmt, hat das aber alles schon hinter sich gelassen und möchte nicht, dass sein Sohn dieselben Fehler macht. Dann haben wir noch das Pärchen, das sich seit zwanzig Jahren nicht gesehen hat, die erste große Liebe, die sich aber aus den Augen verloren hat und sich nun wieder trifft. Zum Schluss sind da noch die Eltern von Tobi, die eine robuste, rustikale aber gute Ehe führen. Wir starten im Ruhrpott und alle begeben sich aus verschiedenen Gründen auf die Reise auf eine fiktive spanische Urlaubsinsel. Da laufen sozusagen alle Stränge zusammen und es passiert sehr viel!

 

SZENE: Also ist es eine Geschichte, die praktisch direkt aus dem Leben gegriffen sein könnte?

 

Enrico: Ja, total! Es ist auch der Musik sehr angepasst. Es ist Musik, die aus dem Leben gegriffen ist, so auch die Texte. Es ist alles sehr handfest und bodenständig. Wir haben also keine Fabelwesen, keine Feen und Zauberer, sondern ganz normale Menschen. Und ich glaube, das ist auch irgendwie das Geheimnis. Wir haben ja diese vier Pärchen und insgeheim findet sich jeder in einem der vier Pärchen wieder.

 

SZENE: Es berührt einen vermutlich auch mehr, wenn man sich direkt mit einer Figur identifizieren kann.

 

Enrico: Genau den Eindruck habe ich nämlich auch. Ich konnte beobachten, dass die Menschen mit der Musik wahnsinnig viel verbinden und emotional werden. Dann kommen noch Charaktere hinzu, die ihnen nahe sind mit vielleicht bekannten Problemen. Oben drein wird dies mit einer großen Portion Humor serviert - all das ist wohl das Geheimnis. Die Leute lachen unglaublich viel, aber am Ende sehe ich hier und da mal welche, die ein paar Tränchen vergießen. Es ist ein schön geschnürtes Paket aus Party und Emotionalität.

 

SZENE: Das ist eine wirklich tolle Mischung! Du hattest ja bisher wirklich sehr kontrastreiche Rollen: Audrey Zwo - die Horrorpflanze aus „Der kleine Horrorladen“ - war zum Beispiel eine meiner Lieblingsrollen von dir, dann kam der zauberhafte Dschinni aus Aladdin dazu und nun spielst du Peter, den Brummifahrer. Wie schwer ist es, sich in die unterschiedlichen Rollen rein zu finden und wie bereitest du dich auf die Rollen vor?

 

Enrico: „Schwer“ kann man gar nicht so sagen. Ich finde es persönlich ganz toll, dass ich so viele verschiedene Rollen spielen darf. Es ist jedes Mal eine ganz neue Erfahrung, wenn man eine neue Rolle kreiert. Stell dir vor, ich würde nur den verrückten Flaschengeist spielen, der nur lustig ist. Das wird dann irgendwann natürlich auch langweilig, weil ich ja nur noch das gleiche machen würde. So habe ich aber die ganze Palette! Man liest das Buch und bekommt dann ein Gefühl dafür, wie man genau sein muss, um so etwas zu sagen. So fühlt man sich da ein. Was ist das für ein Mensch? Wo kommt er her? Was hat er für eine Geschichte? Da versucht man sich dann rein zu finden. Es sind Fragmente der eigenen Person, die man dann anders zusammensetzt. Man kann es als Puzzle aus echten Gefühlen beschreiben und daraus baut man dann den neuen Charakter. Das Tolle bei Wahnsinn ist, dass ich eine ganz neue Figur kreieren kann, die es im Gegensatz zum Dschinni eigentlich noch gar nicht gibt. Da hat man natürlich viel mehr Freiheiten.

 

SZENE: Du kannst dadurch also selbst ganz viele neue Facetten in dir entdecken! Das ist ein extrem spannender Beruf. Welche Rolle lag dir denn bisher ganz besonders am Herzen?

 

Enrico: Das ist wirklich schwer zu sagen! Eigentlich ist es immer die aktuelle Rolle. Also das, was ich gerade mache, da fließt gerade mein ganzes Herzblut rein. Das muss natürlich auch so sein, gerade dann, wenn man eine anstrengende Tour hat, muss man das schon sehr lieben, damit man da kräftemäßig gut durch kommt. Aber „Kein Pardon“ war für mich großartig! Wir hatten den Film von Hape Kerkeling auf die Bühne gebracht und das war für mich schon eine extrem große Ehre, das werde ich immer im Herzen tragen.

 

SZENE: Bleiben wir doch gleich bei Herzensangelegenheiten. Hast du aus dem Wahnsinn-Musical einen Lieblingstitel?

 

Enrico: Ich singe sie eigentlich alle gern! Wir haben so ein Duett aus „Verlieben Verloren“, wir haben daraus eine ganz traurige Ballade gemacht, die finde ich besonders schön. Dann gibt es noch einen ganz tollen Moment, in dem ich meine Frau anrufe und ihr sage: Egal, was vorher passiert ist, ich gehe mit dir, wohin du willst. Lass uns vergessen, was passiert ist und ich entscheide mich für dich, egal, was es kostet!

 

SZENE: Diese Szene geht wirklich nahe! Gibt es denn ein Zitat aus einem Musical, welches dir viel bedeutet und welches du bis heute sozusagen mit dir trägst?

 

Enrico: Was ich bei Aladdin ganz besonders mochte, war die Moral von der Geschichte. Man soll man selbst sein und mit seinen Schwächen zu sich stehen. Das ist auch das, was der Dschinni dem Aladdin beibringt. Man kann sich schick anziehen, man kann sogar Prinz sein, aber letztendlich ist man selbst das Wertvolle. Das fand ich immer ganz toll. Man hat drei Stunden lang viele bunte Farben, viel Brimborium und am Ende steht dann nur noch diese Message: „Sei du selbst, sei stolz auf dich und lieb dich selbst!“

 

SZENE: Musicals haben oft die Eigenschaft, die schönsten Messages an das Publikum auszusenden. Was nimmst du persönlich vom Wolfgang Petry Musical mit?

 

Enrico: Das Tollste ist, dass die Menschen im Publikum so glücklich sind! Wir haben auch viele Menschen, die zum ersten Mal im Theater sind und die sich da ranführen lassen. Das finde ich super! Persönlich nehme ich noch mit, dass es ganz schön doof ist, über Dinge zu urteilen, die man nicht gut genug kennt. Ich war vorher nämlich kein großer Fan und dachte mir nur „Oh Gott, wer braucht denn jetzt noch ein Wolfgang Petry Musical..?“ Die Lektion habe ich sozusagen gelernt. Wolfgang Petry schreibt Musik, die wirklich von Herzen kommt, deswegen passt es so gut in das Musicalformat rein! Es ist nicht manipulativ oder von einer Marketingabteilung geschrieben. Es sind ehrliche Anliegen, die da behandelt werden. Diese Ehrlichkeit und Bodenständigkeit gefällt mir besonders gut. Man merkt, dass man nicht viel braucht, um Menschen glücklich zu machen. Man braucht keine Hubschrauber auf der Bühne, sondern nur gute Charaktere, ein gutes Skript und gute Musik!

 

SZENE: War es denn eigentlich schon immer dein Traum auf der Bühne zu stehen und die Menschen zu begeistern?

 

Enrico: Ich bin da so rein gerutscht. Mit 11 habe ich angefangen, Kindertheater zu spielen. Das hat mir dann viel Spaß gemacht und dann habe ich angefangen zu singen und irgendwie kam ich zum Operngesang. Da hatte ich noch gar nicht ans Musical gedacht. Ich studierte Operngesang, aber mir ist dann irgendwann klar geworden, dass das nicht meine Leidenschaft war. So kam dann der Switch zum Musical. Man muss dem Leben auch ein bisschen zuhören. Manchmal will man eine Sache unbedingt, aber es klappt und klappt nicht. Dann hat man etwas direkt vor der Nase und denkt sich aber, dass das zu einfach wäre. Mir ist das mit dem Musical auch viel mehr zugefallen und irgendwann hatte ich mich gefragt, warum ich mich so dagegen gewehrt habe. Wenn man seiner inneren Stimme folgt, kann man ein wesentlich entspannteres Leben führen.
 

 

SZENE: Das ist ein sehr schöner Hinweis, der bestimmt so einiges erleichtert. Was war bisher eigentlich das Schönste, was dir in deiner Karriere passiert ist?

 

Enrico: Es gibt unzählige Dinge, die ich aufzählen könnte. Auf der letzten Tour hatten wir eine Gruppe von Behinderten ganz weit vorn sitzen und diese hatten wirklich wahnsinnig viel Spaß! Und diese Gruppe habe ich nach der Vorstellung zufällig auf dem Bahnhof wieder getroffen. Die haben mich so sehr mit Liebe überschüttet und umarmt - das war schon ein wahnsinnig tolles Gefühl.

 

SZENE: Da kommt die Liebe, die du verschenkst, aber auch immer wieder an dich zurück. Das ist schön zu hören!

 

Enrico: Ja schon! Es gibt aber auch Tage, an denen sich das nicht so anfühlt. Da fragt man sich, was los war? Habe ich was falsch gemacht? War es zu warm, zu kalt etc. Aber meist ist es so, dass man viel Resonanz bekommt und auch viel Liebe, anders als bei einem Filmschauspieler. Der kriegt ja die Liebe eine lange Zeit nachdem er seine Arbeit gemacht hat. Da bekommt er seine Fanpost und hat vermutlich schon vergessen, was er da genau gemacht hat. Bei uns ist das anders, da kommt der Lacher sofort oder das Klatschen. Manchmal kommen Leute auch noch zum Bühneneingang, um zu sagen, wie sehr sie es genossen haben oder möchten gern ein Foto.



 

SZENE: Als Bühnenschauspieler hat man ja auch nicht mehrere Takes, sondern muss direkt bei der Sache sein und 100% geben!

 

Enrico: Ja, auf jeden Fall! Filmschauspieler können die Szenen dutzende Male spielen bis sie ihre optimale Leistung erreichen und dann ist diese auch für immer festgehalten, das kann ihnen keiner nehmen. Wir haben hingegen nur einen Versuch jeden Abend, der eben sitzen muss. Wenn man einen Ton verhaut, dann verhaut man ihn. Wenn etwas schief geht, findet das Publikum das meist charmant. Ich hatte schon viele tolle Vorstellungen, die an irgend einer Stelle schief gegangen sind. Das muss also nichts heißen.

 

SZENE: Gibt es denn noch eine Rolle, die du unbedingt ausprobieren möchtest?

 

Enrico: Hamilton hatte ich in London gesehen und das hat mich total umgehauen! Da wäre es mir sogar egal, wen ich da spiele!

 

SZENE: Du hattest ja erzählt, dass das Musical Wahnsinn nicht nur wahnsinnig witzig, sondern auch berührend sein soll. Was erwartet das Rostocker Publikum denn noch?

 

Enrico: Man bekommt irgendwie zwei Shows! Also man bekommt uns auf der Bühne, aber im Publikum ist meist auch ganz schön was los! Das ist natürlich doppelt unterhaltsam! Es wird viel mitgesungen, am Ende stehen alle auf und tanzen. Auf jeden Fall gibt es eine große Portion gute Laune!

 

SZENE: Vielen Dank für das Interview!

 

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