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Interview: Die Ärzte

© Jörg Steinmetz

Vor 40 Jahren kommt es in einer Berliner Diskothek zu einer folgenschweren Begegnung zweier Teenager: Jan Vetter alias Farin Urlaub und Dirk Felsenheimer alias Bela B verbindet ein Faible für abgründigen Humor, eine Seltenheit in der deutschen Punkszene. Ihre Band Die Ärzte hat Vetter (56), Felsenheimer (57) und das Nesthäkchen Rodrigo González (52) im Lauf der Jahre zu Millionären gemacht, aber die nonkonformistische Haltung zur Musikbranche haben sie sich bewahrt. Mit dem Comeback-Album „Hell“ will sich das Trio auch nach schwerer Krise nicht neu erfinden; die Texte pendeln wie gewohnt zwischen Albernheit, Gesellschaftskritik und Ironie. Ein Gespräch über Punk, Pseudo-Rebellion und Populisten

SZENE: „Hell" ist euer 28. Album in 40 Jahren. Habt ihr darüber gegrübelt, was denn wohl altersgemäßes Musizieren sei?

Bela B Felsenheimer: Wir haben große Ressentiments gegen Alterswerke und Menschen, die glauben zu wissen, wie es läuft. Deshalb mag ich auch Iggy Pop. Er strahlt mit seinen 73 Jahren immer noch etwas Jugendliches aus. Ihm ist es nicht peinlich, auf der Bühne sein Hemd auszuziehen.

Farin Urlaub: Angus Young zeigt auch immer noch seinen Hintern. Den will ich eigentlich nicht mehr sehen, aber Angus ohne nackten Po geht nicht. Die Parameter bei uns sind immer noch Gitarre, Bass, Schlagzeug und unser Humor. Wenn ich einen Gag in einen Song einbaue, dann will ich, dass die anderen beiden darüber lachen. Die Außenwahrnehmung ist erst mal sekundär.

SZENE: „Ich langweile mich gern – das mußte ich auch erstmal lernen“, heißt es in „Achtung: Bielefeld“. Beflügelt Langeweile die Kreativität?

Felsenheimer: Langeweile ist ein negativ konnotierter Begriff. Gerade in dieser medial überbelasteten Zeit ist es ein Luxus, sich auch mal langweilen zu dürfen. Im Wartezimmer eines Arztes liest man keine Magazine mehr, sondern starrt aufs Handy. Die Mobiltelefonhersteller und Sozialen Medien profitieren davon ganz besonders. Ich aber finde, man sollte einfach mal innehalten, sich gepflegt langweilen und das ganze Wochenende im Bett verbringen.

SZENE: In dem Song wird eher beiläufig der syrische Bürgerkriegsschauplatz „Aleppo“ erwähnt. Warum konntet ihr euch das nicht verkneifen?

Felsenheimer: Ein Plädoyer für die Langeweile war mir wiederum zu langweilig. Deshalb brauchte ich einen Bruch. Das haben wir in sehr vielen Liedern getan. „Achtung:Bielefeld" ist übrigens eines der zickigsten und nervösesten Stücke auf der Platte.

SZENE: Vermisst ihr die Zeit, als junge Menschen noch über ihre Lieblingsgitarristen redeten und nicht über das, was YouTuber und Influencer gerade machen?

Urlaub: Wenn man über eine Band redet, dann redet man über den Sänger oder die Sängerin und nicht über den Gitarristen. Darüber wollte ich mich einfach mal beschweren. Früher war es bei uns üblich, Mitschüler und Freunde mit frisch gelernten Gitarrensoli berühmter Bands zu beeindrucken. Ich habe mir einmal das Akustikgitarrensolo von Pink Floyds "Wish You Were Here" draufgeschafft. Als ich das jemandem zeigen konnte, war ich der Chef.

SZENE: Welche Gitarristen habt ihr aktuell beeinflusst?

Urlaub: Drei Gitarristen werden in dem Song zitiert: Brian May, Frank Zappa und Jimi Hendrix. Das ist unsere Meta-Verneigung vor den Wurzeln der Musik, die wir immer noch spielen.

Felsenheimer: Ich habe von uns dreien die wenigsten Zappa-Platten im Regal, aber ich finde seinen Humor in diesen Kaskaden von Noten faszinierend. Auf unserer Platte sind sehr viele Zitate, Querverweise und Ehrungen drauf.

Urlaub: Das ist das Schöne am Älterwerden: Wir haben ein Album mit einem Meer an Andeutungen gemacht, teilweise nur für uns, aber auch zum Entdecken für die Fans. Diese Vielschichtigkeit war uns wichtig.

SZENE: Wie schlimm war eigentlich die Bandkrise?

Urlaub: Was bei uns als „es läuft nicht gut" gilt, gilt bei anderen Bands als "ihr versteht euch ja immer noch". Wir hatten trotzdem noch Spaß zusammen, aber es war nicht so wie jetzt.

SZENE: In „Morgens pauken“ macht ihr euch Gedanken über Punk. Welche Bedeutung hat die Jugendkultur von 1977 heute noch?

Felsenheimer: Erst einmal ist Punk nicht mehr jung. Mir geht es bei dem Song um das Zerbröseln einer mir mal wichtigen Entwicklungsphase. Es war schon ein Schritt, die Punkband Soilent Grün zu beerdigen und so was verkruseltes wie Die Ärzte zu gründen. Farin und ich wussten damals ziemlich genau, was das für eine Band werden sollte und wir stellten unsere ersten Regeln auf. In „Morgens Pauken" geht es aber eher um die Worthülse Punk.

Urlaub: In den 1990er Jahren waren wir viel auf Tour. In Zeitschriftenläden deckten wir uns immer mit Magazinen für unterwegs ein. Irgendwann kam Bela ganz entsetzt mit einer Zeitschrift namens „GolfPunk" an. Das sollte heißen: Ja, wir golfen, aber wir sind trotzdem wild und unberechenbar. Aber Golf und Punk passen einfach nicht zusammen!

Felsenheimer: Punk ist mittlerweile wie ein Orden, der einem angeheftet wird. Ein mir bekannter Koch meinte mal zu mir: „Bela, Du musst unbedingt den Wein von meinem Punk-Winzer probieren!" (lacht) Ein anderer Freund hatte geschäftlich mit jemandem von der Bild-Zeitung zu tun. Darüber habe ich meinen Unmut geäußert, weshalb der Freund meinte: „Bela, sei mal ein bisschen fair; tief in seinem Herzen ist der auch nur ein Punk-Rocker!“ Nein, das ist er nicht! Denn dann wäre er nicht bei der Bild-Zeitung. „Morgens pauken“ mit Zitaten von u.a. Didi Hallervorden hat total Spaß gemacht. Es ist ein Punkrock-Novelty-Song.

SZENE: Punk war ein Gegenentwurf zur Mainstream-Gesellschaft der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre. Er hat mit vielen Regeln und Tabus gebrochen. Sind „Alu-Hüte“ Punks?

Felsenheimer: Nein, der Alu-Hut-Verweis in dem Lied bezieht sich eher auf das Pseudo-Rebellische, was diese Verschwörungsanhänger sich da anziehen. Sie benutzen den Ausdruck „Schlafschafe" für Leute, die Vernunft walten lassen, und selber blöken sie alle ins selbe Horn. Das ist Gleichschaltung und hat mit Punk nichts zu tun.

SZENE: Gibt es in euren Bekanntenkreis Menschen, die zugänglich für Verschwörungstheorien sind?

Urlaub: In meinem nicht, weil ich meine Freunde extrem gründlich aussiebe. Von denen kommen ganz sicher keine Überraschungen in dieser Richtung.

Felsenheimer: In meinem Sportclub habe ich ein- oder zweimal zaghafte Bemerkungen über Bill Gates gehört. Wenn man sich mal die Medien anschaut, bekommt man den Eindruck, halb Deutschland bestehe aus Verschwörungsanhängern. Es sind aber nur ein paar sehr laute Rechtspopulisten. Bei Gegendemos sind immer viel mehr Leute.

Urlaub: Leute, die zum Beispiel etwas über eine Band zu meckern haben, sind Tag und Nacht online, so dass im Gästebuch der Eindruck entsteht, dass deine Fans dich hassen.

González: Die mit den Reichskriegsflaggen, die Merkelhasser und Klimaleugner freuen sich natürlich, wenn sie Aufmerksamkeit von der Presse kriegen. Man redet dann über sie.

Felsenheimer: Was heute fehlt, ist eine Spaßguerilla. Der beste Widerstand war immer ein witziger. In dem sächsischen Dorf Ostritz zum Beispiel sollte voriges Jahr ein Rechtsrockfestival stattfinden. Für die Veranstaltung wurde ein Alkoholverbot verhängt. Daraufhin haben die Einwohner von Ostritz alle Alkoholbestände im Umkreis von 30 Kilometern aufgekauft. Am Ende saßen die Nazis auf dem Trockenen.

SZENE: Farin, hast du dich in deiner Jugend tatsächlich mit Rechtsradikalen geprügelt, wie es in „Ich, am Strand“ heißt?

Urlaub: Früher gab es was aufs Maul, ja. Mein Ohr ist aber nie abgerissen worden. Der Song ist nicht autobiografisch. Er beschreibt Sachen, die ich selber erlebt habe, aber nicht eins zu eins. Natürlich bringt man beim Schreiben eigene Gedanken, eigene Gefühle und eigene Beobachtungen mit ein.

Felsenheimer: Der Song ist ein gutes Beispiel für unsere Technik, mit Reimen umzugehen. Jede Zeile beginnt mit dem Wort Ich. Als Hörer bleibt man wirklich am Text dran, weil man wissen will, was noch alles passiert. In der Geschichte wird der harmonische Teil des Lebens immer weniger, bis sie ein tragisches Ende nimmt.

SZENE: Ist „Liebe gegen Rechts“ eine Fortsetzung von „Schrei nach Liebe“?

Urlaub: Also, der Titel ja, aber der Song selber nicht.

Felsenheimer: „Schrei nach Liebe" haben wir 1993 geschrieben, weil wir nicht mehr die neutrale Band aus den 1980ern sein konnten. Das sollte das Lied ein für alle mal deutlich machen. Wir wollten auch nicht die falschen Leute anziehen. Schneller, witziger Punkrock lockt leider auch viel rechtes Gewürm an. Wenn wir jetzt das Tun von Rechtspopulisten kommentieren, ist das ein Teil unserer Welt.

Urlaub: „Liebe gegen Rechts" besteht aus drei Strophen und drei unterschiedlichen Inkarnationen von "Problemfällen". Und überall ist die Lösung die gleiche: Liebe.

SZENE: Ihr glaubt, man kann gewalttätige Menschen wirklich mit Liebe heilen?

Urlaub: Auf jeden Fall. Bestimmt nicht alle, es gibt halt pathologische Mörder oder Lügner. Aber man kann sehr viel mit quasi grenzenloser Liebe ändern.

Felsenheimer: Ich glaube, dass es um Aufmerksamkeit und Wertschätzung geht. Das ist ein Zeichen unseres Zeitalters. Darum sind ja so viele Leute in den Sozialen Medien präsent. Darum wird auch ein bis dato verhältnismäßig unsichtbarer Politkarrierist wie Alexander Gauland immer härter in seinen Aussagen. Das ist tatsächlich der Schrei nach Liebe, den ich da sehe, wenn er mal wieder mit Beratern ausgearbeitete Tabubrüche begeht. Ich kann ihm dann auch keine Liebe bzw. Aufmerksamkeit geben. Und schließlich ist Jan noch eine andere Lösung eingefallen, die hat er in den letzten Song gepackt, „Woodburger“.

SZENE: Wie kam es zu dem Wut-Song?

Urlaub: Wenn ich im Ausland Nachrichten über Deutschland lese, nehme ich automatisch einen anderen Blickwinkel ein. Dort habe ich eine sehr nüchterne, mitleidlose und glasklare Abhandlung über die AfD und Deutschland gelesen. Dagegen wollte ich etwas sagen und habe einige politisch ernste, verbissene Zeilen aufgeschrieben. Nach zwei Nächten wusste ich, wie ich da wieder rauskomme: Schwul!

SZENE: Rodrigo, deine Eltern wurden während der Diktator Pinochets in Chile verfolgt, weshalb sie 1974 Asyl in Deutschland erhielten. Was denken deine Eltern über das heutige Deutschland?

González: Mein Vater hat einen eher sarkastischen Blick auf das aktuelle politische Geschehen. Als alter Internationalist sieht er natürlich auch, welche Auswirkungen die Entscheidungen, die hier getroffen werden, auf andere Länder, speziell Lateinamerika, haben. Meine Eltern richten ihren Blick gar nicht so sehr auf die deutsche Tagespolitik. Sie sind der Meinung, dass sich am System nicht viel ändert.

SZENE: Ihr steht als Musiker und Privatpersonen für eine offene, tolerante und liberale Gesellschaft. Könnt ihr die Gegenwart nur ertragen, indem ihr darüber Songs schreibt?

Felsenheimer: Die Doofen waren schon immer sehr laut und werfen einen grünen Kotzschatten über die guten Sachen im Leben. Je mehr Aufregung es in den Medien gibt, desto lauter werden sie. Heute weiß sogar meine Mutter, was ein Shitstorm ist.

SZENE: Vielen Dank für das Interview

 

Interview: Olaf Neumann