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Interview: Arne Lifson

Arne Lifson

Arne Lifson, ehemals Arne Feuerschlund, ist Feuer und Flamme für die Rostocker Straßenkultur! In dieser schwierigen Zeit ist es ihm tatsächlich gelungen, 20 Künstler unter Lohn zu bekommen in Kooperation mit der Stadt. Wir haben mit Arne persönlich über das Leben als Straßenkünstler, die Einschränkungen und über seine Projekte gesprochen, die im Netz viel Aufmerksamkeit bekommen hatten. Doch da geht noch mehr!


SZENE: Die Kunst hat sich durch dein ganzes Leben gezogen. Du hast eine Ausbildung zum Theaterpädagogen an der HMT Rostock gemacht, hast eine langjährige Zirkuserfahrung und bist mit dem Chaos Varieté unterwegs. Ob Jonglage, Akrobatik oder Feuerartistik, du bist ein richtiger Allroundkünstler.
Das klingt nach Abenteuer pur, ist das denn noch Beruf, oder eher eine Berufung für dich?

Arne: Es ist definitiv eine Berufung! Mein Weg fing sogar schon früher an. Ich habe eine Ausbildung zum Ergotherapeuten in Rostock gemacht, weil ich den Zirkus mit meinem Berufsleben verbinden wollte. Dann hatte ich Sonderpädagogik auf Lehramt studiert, mit dem Fach Theaterpädagogik. Letztendlich bin ich mit 15 beim Circus Fantasia gestrandet und habe dort eine Kursleiterstelle angennommen. Von dem Moment an ging die Karriere als freischaffender Künstler über die Pädagogik los. Dann hatte ich meine ersten Auftritte bekommen und Knall auf Fall konnte ich dann von dem "Quatsch" leben.

SZENE: Das ist ein spannender Weg mit vielen Abzweigungen! Du hast also sehr viel ausprobiert und hast in letzter Zeit vor allem die Straßen mit deinen Shows begeistert. Was ist das Schönste für dich an der Straßenkunst? Was macht den Reiz der Straßenshows aus?

Arne: Mit 17/18 Jahren habe ich angefangen, mir auf der Straße mein Taschengeld aufzubessern. So habe ich mir auch zum Teil mein Studium finanziert, neben diversen anderen Jobs im Bereich der Sonderpädagogik. Aber da hatte ich gemerkt: "Hey, das kann funktionieren!" Ich habe das dann so weit professionalisiert, dass ich die letzten Jahre von gebuchten Engagements leben konnte. Und jetzt in der Coronakrise habe ich speziell mit den Les Bummms Boys angefangen wieder auf die Straße zu gehen und habe mir mein Leben finanzieren müssen, ja – müssen. Es hat viel Spaß gemacht, war aber auch ein sehr tragisches Setting. Denn in der freischaffenden Kunst ist in so vielen Bereichen alles weggebrochen, generell im kulturellen Leben. Aus der Krise heraus hatten wir uns entschieden, wieder auf die Straße zu gehen. Wir konnten so auch überleben. Das bedeutet für mich, dass ich einen Weg gefunden habe, immer und überall arbeiten zu können für mein Wasser und Brot.

SZENE: Das kann aber auch eine sehr unsichere Variable sein, oder?

Arne: Ja total! Du kannst dir das so vorstellen: Du wirst Morgens wach, wenn's regnet weißt du, okay, heute arbeite ich nicht. Bist du mies drauf, erreichst du die Leute nicht und bekommst keinen Lohn. Bist du mega gut drauf und machst eine Knallershow, dann kannst du teilweise für 3-5 Tage aussorgen. Daher ist das auch eine wirklich ehrliche Form des Arbeitens. Wenn du in's Kino gehst, zahlst du etwa 20€ Eintritt. Wenn du den Film aber schlecht fandest, bekommst du dein Geld nicht wieder. Schaust du dir aber eine Straßenshow an, honorierst du am Ende den Kulturschaffenden, der das dort auf die Bühne bringt, mit dem, was du möchtest. Wenn ich also den Hut voll habe, dann weiß ich: "Ey, ich hab's wirklich gerissen!" Und wenn nicht, dann war einfach nicht dein Tag. In diesem Jahr habe ich mit meinem Kollegen zusammen gearbeitet und wir haben da ziemlich gut merken können, wann wir gut drauf waren und wann nicht.

SZENE: Als Straßenkünstler bekommt man direktes Feedback, sieht es auch schon an den Gesichtern der Menschen.

Arne: Genau, du bekommst ein hundertprozentiges Feedback. Wenn die Leute aus der letzte Reihe schon gehen weiß ich dann, dass ich mehr Gas geben muss und die Leute nicht genug unterhalte. Die Straße ist ein wirklich schnelllebiges Pflaster. Die Leute sind auf dem Schwung und diese dann zu halten... ja, das ist die Kunst.

SZENE: Das Hutgeld ist also wirklich existentiell. Das ist ja nicht nur etwas Trinkgeld, sondern davon lebst du als Künstler ja auch.

Arne: Das ist absolut existentiell. Letztendlich gehst du ja auch nicht zu einer teuren Ledermarke und holst dir die Produkte für den Einkaufspreis, sondern schlägst ja immer einen gewissen Prozentsatz Gewinn drauf. Oder nehmen wir das Beispiel einer Kneipe. Du hast in der Kneipe beispielsweise einen Raum, wo du dich mit deinen Sozialen Kontakten treffen kannst, für Erlebnisse und nicht NUR die Getränke. So ähnlich ist es auf der Straße auch, du bietest den Menschen ein kulturelles Erlebnis. Und ich pflege immer den Hutspruch zu sagen: "Ich leb' DAFÜR euch zu begeistern und ich leb' DAVON euch zu begeistern." Das kann auch nur funktionieren, wenn die Menschen das honorieren.
 
SZENE: Ein hartes Brot sozusagen. Während des Studiums hast du angefangen als Zirkuspädagoge beim Zirkus zu arbeiten, dir dann einen Zirkuswagen geholt und damit ein Stück Freiheit. Dieser Zirkuswagen steht aktuell in deinem Garten zusammen mit deinen Hühnern. Das klingt nach einem schönen Fleckchen.

Arne: Ich hätte ein Huhn auch glatt mitbringen können! Den Zirkuswagen habe ich mir geholt, als ich zum Fantasia gekommen bin und als Kursleiter angefangen hatte, etwa 2008.

SZENE: Was bedeutet dir denn diese Freiheit? Speziell jetzt zu diesen besonderen Zeiten voller Einschränkungen?

Arne: Das ist ja eigentlich das Hauptproblem dieses Jahr, dass ich abhängig bin. Und zwar nicht, weil ich es nicht drauf habe, sondern weil irgendwelche Knallköppe entschieden haben, dass wir nicht mehr arbeiten dürfen. In Bus und Bahnen fährt halb Deutschland hin und her, aber so viel anderes wird eingeschränkt. Die Einschränkung in der Freiheit ist enorm, ich konnte ja noch nicht selber entscheiden, ob ich nicht mehr arbeiten WILL. Ich wurde dazu gezwungen. Ich wurde in eine Abhängigkeit gezwungen zu HartzIV, Hilfen vom Staat etc. Mein größtes Ziel war es schon immer unabhängig zu sein. Und jetzt wirst du eben in diese Abhängigkeit geschoben. Ich muss meine Rentenversicherung selber zahlen, ich muss dafür sorgen, dass es irgendwie weiter geht, das aller erwirtschafte ich selber und vor allem frei. Es heißt nicht umsonst Freelancer. Aber ich wusste zumindest immer, dass ich das tue, was ich am besten kann und davon dann leben kann.

SZENE: Also von einem Extrem also ins andere?

Arne: Ja so ist es. Aber trotzdem setze ich mich nicht hin und klage. Ich nehme die Situationen an und versuche das Beste draus zu machen. Darüber hinaus schaue ich, dass es irgendwie weiter geht. Ich möchte auch nicht irgendwelche Subventionen bekommen, um Zuhause rumzusitzen und Däumchen zu drehen. Ich bin den ganzen Tag am racken und materialisiere etwas. Aber ich mache das alles gerade ehrenamtlich. Damit ihr nicht in ein kulturelles und ich nicht in ein depressives Loch falle. Das ist eine Win Win Situation, aber irgendwie wird es nicht für Nötig gehalten, das irgendwie zu honorieren. Jeder Festangestellte bekommt ein Kurzarbeiterlohn. So viele Zweige können gerade aufgeben, weil es da einfach nicht weiter geht. Da wird diese Sache nicht zu ende gedacht. "Wir machen jetzt einen Lockdown Light" – alle haben sich eine Plexiglasscheibe geholt, aber gleichzeitig lassen wir 20.000 Menschen in Leipzig demonstrieren. Klar, ist das eine ernst zu nehmende Geschichte.

SZENE: Das ist wirklich mehr als absurd. Du warst ja in Schwerin im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur auf der Suche nach Antworten. Wie war dort deine Erfahrung?

Arne: Ich habe die positive Erfahrung gemacht, dass ich sehr herzlich begrüßt wurde. Ich habe das über die Sozialen Netzwerke angekündigt und bin (mit Huhn!) von der Staatssekretärin Frau Bowen und von Frau Dr. Süße empfangen worden. Sie haben mir auch bereitwillig alle Fragen beantwortet. Aber letztendlich kamen dann Ansagen, dass sie sich bemühen, aber in der Konsequenz ist eben leider noch nichts passiert. Das gehört wahrscheinlich zur Politik dazu. Aber die Eva Maria Kröger meinte "Komm, das finde ich gut, da bin ich dabei" – einfach mal ein bisschen Welle machen!

SZENE: Das ist vermutlich auch der wichtigste erste Schritt: Aufmerksamkeit generieren. Mit dem Projekt "Rostocker Straßenkultur" hast du es geschafft, 20 Künstler unter Lohn zu bekommen mit der Kooperation der Stadt. Aus einer kleinen Idee wurde etwas ganz Großes. Eine Portraitreihe „Rostockstrassenkultur“ entstand daraus, die im Wupatki und Plakat Digital ausgestellt wird. Wie kam es zu der großartigen Idee?

Arne: Zum Teil sogar durch die Fotografie, meinem Hobby. Aber zum Großteil natürlich durch mein Schaffen als selbständiger Künstler, den Kontakt zu Eva Maria Kröger und Wolfgang Schmiedt, die die Aktion "Aufatmen" gemacht haben. Von der Warte her wusste ich, dass es Mittel von der Stadt gibt zur Belebung dieser. Dann bin ich quasi vom Bürgermeisterbüro zu einem Workshop eingeladen worden, wo einige Einzelhändler waren, die die Stadt beleben wollten. In den Zeiten von Corona, ist natürlich kaum einer mehr in die Stadt gegangen, um sich noch etwas zu kaufen. Ich habe mit dem Kulturamt nach einer Lücke gesucht, wie man die Kulturschaffenden wieder unter Lohn bekommen könnte. Und diese Lücke ist die Straßenkunst. Das heißt, du buchst niemanden, sondern erteilst eine Art Stipendium. Als wir i der Stadt agieren konnten, ging das auch total durch die Decke! Wir haben das auch eine Woche lang gemacht, dann kam aber schon der nächste Lockdown. Für mich war das die stressigste Woche überhaupt. Für 20 Leute Verantwortung zu tragen, dann auch noch ein Projekt zu schaffen, dass wir auch gesehen werden, dann auch noch mein eigener Anspruch an die Kunst und Kultur. Ich möchte, dass die Leute darüber reden, ich möchte den Menschen die Augen öffnen, weil Kunst und Kultur gerade stirbt, die geht gerade fahrlässig vor die Hunde! Als das ganze angefangen hat, habe ich das mit meiner Kamera dokumentiert und dann kam mir auch gleich die Idee. Die Portraitreihe ist innerhalb von sieben Tagen entstanden. Wir wollten alles rausholen was ging in der Woche! Ich habe mich da auch festgebissen, wie ein kleiner Pitbull und dachte mir nur "Jetzt oder nie!"

SZENE: Du hast wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt, warst nicht nur auf der Straße sondern hast auch fleißig auf allen Kanälen die Werbetrommel geschlagen. Jetzt produzierst du gemeinsam mit den Künstlern einen Kalender 2021, um den Rostocker Straßenkünstlern mehr Nachhaltigkeit zu schenken. Die Vorbestellungen laufen bereits?

Arne: Die Vorbestellungen laufen ganz gut! Viele Leute holen sich die Kalender auch doppelt, um sie zu verschenken und das Projekt einfach zu fördern. Wir hoffen natürlich, dass er weiterhin gut ankommt und die Leute uns unterstützen.

SZENE: Am letzten verkaufsoffenen Sonntag gab es in Rostock eine ganz besondere Aktion!  Es wurde viel Kultur geboten und zum Finale hin legten die Straßenkünstler ihre Instrumente auf die Straße nieder, als Zeichen, dass es fortan keine Straßenkunst mehr geben darf wegen des Soft Lockdowns. Wie war die Stimmung?
Arne: Das war am Halloween-Wochenende. Ich denke, dass wir alle ein gewisses Infektionsrisiko vermeiden sollten. Ich denke, und das ist jetzt meine persönliche Meinung, dass die Maßnahmen, die dort ergriffen wurden, nicht unbedingt ein Infektionsrisiko vermindern. Denn auf ein Mal sind alle auf Halloween-Parties gegangen. Die Aktion jedenfalls lief gemeinsam mit dem Kulturamt, das war eine Kooperation, damit die Künstler noch ein  Mal richtig Kultur machen können. Dann kam ich auf die Idee, dass wir eigentlich auch darauf aufmerksam machen müssen, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach das letzte Mal sein wird, dass wir ein Instrument oder Requisit in die Hand nehmen. Und so kam es zu der Niederlegung der Instrumente. Die Stimmung war unfassbar und die Aktion kann man sich auf der Straßenkultur-Seite ansehen.

SZENE: Als wenn alles nicht schon schwierig genug wäre, hattest du letztes Jahr auch noch einen Unfall, richtig? Wie ging es für dich weiter?

Arne: Ich hatte vor gar nicht zu langer Zeit einen Unfall, bin vom Einrad gestürzt und habe mir meine Schulter bei einem Auftritt völlig kaputt. Das ganze Jahr über hatte ich mit nur einem Arm gespielt, musste natürlich weiter machen und habe das mit eingebaut in die Shows. Die Leute haben geschrien vor Lachen, weil ich natürlich nichts richtig hinkriege. Das war schon eine Challenge und dann kam auch noch Corona. Da dachte ich nur: "Was will mir dieses Jahr eigentlich damit sagen..?"

SZENE: Wie sehen deine Pläne aus für die nächsten Monate? Und für 2021? Wird vielleicht einiges online verlegt? Wie viel ist da überhaupt möglich?

Arne: Also ich werde jetzt irgendwie versuchen, das Weihnachtsloch zu stopfen, neue Hilfen zu beantragen, neue Projekte ins Leben zu rufen und hoffe, dass der neue Lockdown vorüber geht. Ich hoffe, dass wir bald wieder Straßenkultur machen können und ansonsten bereite ich mich darauf vor, dass 2021 auch wieder ein Straßenkunstjahr wird! So richtig planen kann man natürlich eher schlecht.

SZENE: Eine letzte Frage: Wie kam es eigentlich dazu, dass du deinen ursprünglichen Künstlernamen "Arne Feuerschlund" abgelegt hast?

Arne: Das kann man sozusagen als Opfer sehen. Damals hat es keiner so richtig gesehen, was mit den Kulturschaffenden passiert. Wir haben Soforthilfe bekommen, die aber nur für die betrieblichen Ausgaben nutzbar gemacht wurde. Alles ist weggebrochen und man hat uns durch dieses Berufsverbot jegliche Existenz genommen! Ich konnte mit meiner Kunst ziemlich gut leben, auf ein Mal wird aber alles genommen und wirst in eine Abhängigkeit von dem Staat gezwungen, due du dir nicht selber ausgesucht hast. Irgendwie wollte ich auf diese Situation aufmerksam machen. Ich habe lange gehadert und überlegt, wie man auf diese Situation aufmerksam machen kann, dass die Kultur fahrlässig getötet wird. Und das war dann meine Konsequenz. Mit dieser Niederlegung fragt man sich "Warum?". Und so wird man darauf aufmerksam und das ist so unglaublich wichtig!

SZENE: Toi Toi Toi! Fingers crossed, auf ein besseres 2021 hoffen wir alle! Vielen Dank für das Interview!