Heinz Rudolf Kunze im Interview: Es gibt keine neue Musik mehr!

Mit über 30 Veröffentlichungen stellt HEINZ RUDOLF KUNZE viele seiner musikalischen Mitstreiter in den Schatten. Sein neuestes Meisterwerk „Schöne Grüße vom Schicksal“ besticht mit einer musikalischen Bandbreite, wie sie nur selten auf einem einzigen Album zu hören ist. Ballade folgt auf brachiale Rocknummer, Folk-Song auf eine fast schon schlagerartig anmutende Nummer. Langweilig wird es hier nicht! Auch das gekonnte Texten hat der 62-Jährige nicht verlernt. Die Kritiker jedenfalls sind sich einig: Mit diesem Album hat Kunze wohl sein gesanglich bestes Album herausgebracht.

 

SZENE: Dein aktuelles Album ist von vielen verschiedenen Einflüssen geprägt: vom Hardrock über Schlager bis hin zum Folk. Wie würdest du das Album musikalisch beschreiben?

HEINZ: Es fielen mir schon immer relativ unterschiedliche Arten von Texten ein. Das verführt beim Musik machen dazu, das auch ganz unterschiedlich anzugehen. Ich hatte das große Glück, immer mit extrem guten Musikern arbeiten zu dürfen ”“ von 1981 bis heute. Das sind sehr belastbare Leute; die können sehr viel und wollen das auch zeigen! Es ist in den Kompositionen aber auch schon so angelegt. Ich höre eben sehr eklektrisch und quer durch”™s Kräuterbeet alles, von Klassik bis Country und von Reggae bis Free Jazz. In Ansätzen und Elementen nutze ich das alles und das will natürlich auch irgendwie raus. Die Band hat einfach viel Spaß daran, das umzusetzen und es jedes Mal zu einem wirren, bunten Blumenstrauß zu machen. Ich habe es noch nie geschafft, ein monochromes Album zu machen ”“ ein Album, das nur eine Farbe hat. Ich schaffe das einfach nicht! Ich bin ein geborenes Chamäleon.

SZENE: Du kannst weit über 30 Veröffentlichungen vorweisen. Was hast du dir von diesem Album erwartet?

HEINZ: Dass es möglichst viele Menschen interessiert, damit man nicht nur eine materielle Belohnung bekommt. Man gibt sich immer sehr viele Mühe damit; eigentlich immer genau die gleiche. Man lässt kein Album auf die Menschheit los, wenn man nicht das Gefühl hat, nach bestem Wissen und Gewissen alles gegeben zu haben. Und erst dann macht man das Studio von außen zu. Leider ist es nun so, dass die Alben unterschiedliche Erfolgsschicksale erleiden ”“ manche sehr, manche weniger. Es ist heutzutage für alle sehr schwer geworden, viele Tonträger unter die Menschheit zu bringen, weil das kaum noch jemand kaufen will. Wir Musiker leben inzwischen alle mehr vom Live-Geschäft. Früher war das völlig anders. Früher machte man eine Tour, um eine Platte noch zu unterstützen. Heute macht man eine Platte, um eine Tour zu unterstützen. Das hat sich völlig gedreht. Aber das geht allen so ”“ von Helene Fischer bis Karl Arsch.

SZENE: Hat sich bei dir mittlerweile eine bestimmte Albumproduktionsroutine „eingeschlichen“?

HEINZ: Das ändert sich mit den Mitarbeitern, mit der Besetzung der Band. Da hat jeder Musiker, mit dem ich spiele, andere Vorlieben und alle bringen andere Vorgeschichten mit, andere Arbeitsweisen mit ein, nach denen man sich dann ein bisschen nach richtet. Im Laufe der Jahrzehnte sind nun schon viele Musiker durch meine Band gelaufen. Ich habe alles probiert. Ich habe Demos für meine Jungs gemacht, wo ich fast alles schon vorbereitet hatte; selber E-Gitarre, Bass und Keyboard gespielt und mehrstimmig gesungen habe, und dann ein Mitarbeiter vielleicht noch die Rhythmusmaschine programmiert hat ”“ das klang dann fast wie eine Band. Dann haben einige gesagt: „Das finden wir nicht so toll, denn dann machen wir das ja einfach nur nach. Lass uns doch ein bisschen mehr Luft.“ Ich habe auch Demos gemacht, auf denen ich nur von Akustik-Gitarre und Klavier begleitet singe ”“ das war”™s. Ich glaube, die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Ein bisschen Ausgestaltung werde ich beim nächsten Mal wieder machen ”“ das letzte Demo war völlig nackig - nur ein Instrument, Stimme, aus. Das ist mir zu wenig. Ich möchte schon noch ein bisschen mehr die Richtung angeben, die alle einschlagen sollen.

SZENE: Wie kann man sich denn eine Albumproduktion vorstellen?

HEINZ: Wir arbeiten heute unter Hochdruck und unter ganz erschwerten Bedingungen. Die Plattenfirmen geben nur noch ein Viertel des Geldes aus, was wir vor 20 Jahren hatten, erwarten aber die gleiche Leistung. Das heißt, wir haben nur noch ganz wenige Studiotage, an denen ein solcher Druck herrscht, dass wir von 10 Uhr morgens bis 11 Uhr abends durcharbeiten. Wir können nie abends nochmal weggehen oder was anderes sehen; wir sind nur im Studio, wir schlafen da auch. Das ist wie ein U-Boot. Und dann muss auch alles wirklich sitzen... Früher hatten wir 6 Wochen, um eine Album zu machen. Heute haben wir 12 Tage. Und dann darf auch wirklich nichts schiefgehen.

SZENE: Was passiert, wenn etwas mal nicht so stimmig ist?

Am Ende des Tages musst du immer ein Ergebnis einfahren. Das muss sitzen. Wenn du am nächsten Tag dann sagst: „Ich glaube, das war es aber nicht. Da müssen wir nochmal grundsätzlich rangehen“, dann müssen wir Extrageld dafür beantragen. Und das erzeugt natürlich eine unglaubliche Spannung. Es ist dann besser, wenn die Demos schon etwas weiter sind und die Jungs wissen: Ah, da geht es lang. Wir haben leider nicht soviel Zeit zum Diskutieren. Das ist manchmal ganz gut; man kann Sachen ja auch zerreden. Es muss einfach jemanden geben, der den Hut aufhat und sagt: „Hier geht es lang!“ Aber so ein bisschen Input von den Mitarbeitern habe ich eigentlich ganz gerne.

SZENE: Das Stück „Schieß“ wirkt auf mich sehr druckvoll und „mitten in die Fresse rein“. Den Text empfinde ich als recht düster, fast schon nahe der Verzweiflung. Mit wem rechnest du denn da ab?

HEINZ: Ich wehre mich ja eigentlich immer gegen diese neugierige, aber berechtigte Frage, wie viel Leben denn da drin ist. (lacht) Weil ich doch Wert darauf lege, dass das Meiste, was ich mache, Handwerk ist ”“ Fiktion. Erfunden. In diesem Fall hast du mich erwischt! Es gibt tatsächlich jemand Konkretes, von dem ich mich sehr ausgenutzt und sehr gedemütigt gefühlt habe. Das Lied hat tatsächlich einen biografischen Anlass und über diesen Menschen war ich so enttäuscht, dass ich mich auch sehr schnell in diese Lage hineinversetzten konnte, wo einer sagt: „Du Schwein, gib mir einfach den Gnadenschuss. Ich kann nicht mehr! Ich will mich auch nicht mehr wehren; ich habe keine Kraft mehr!“

SZENE: In „Hartmann“ geht es um einen ehemaligen Soldaten. Was hat dich dazu inspiriert, dieses Lied zu schreiben?

HEINZ: Da gab es eigentlich nur den einen Leitgedanken, dass die Amerikaner und Engländer schon seit Jahrzehnten Lieder über Soldaten machen, die aus dem Krieg nach Hause kommen. Unsere letzten Lieder über Soldaten im Krieg sind lange her und hatten auch geschichtlich unverantwortliche Gründe. Aber ich bin aufgewachsen mit Liedern über Leute, die aus dem Vietnam-Krieg oder Korea-Krieg kommen. Da habe ich mir überlegt: Jetzt sind wir Deutschen aber schon in eine Rolle hineingewachsen, wo es wieder Leute gibt, die bei uns so eine Geschichte erzählen könnten. Und wenn sie es nicht tun, sollte ich es vielleicht tun. Denn wir haben jetzt auch solche desillusionierten, kaputten Typen, die zurückkommen, weil sie in einen Einsatz geraten sind, dessen Ausmaß und Brisanz sie nicht ahnen konnten.

SZENE: Um Sehnsucht und Mangel in allen Lebensphasen geht es im Song „Immerzu fehlt was“. Gibt es etwas, das du aus der Vergangenheit gerne zurückholen willst? 

HEINZ: Ich würde gerne alles zurückholen, aber mit dem Wissen von heute. Nicht noch einmal die gleichen Fehler machen! Das wäre schon ein Kick, wenn man das noch einmal erleben könnte - mit der Schlauheit von heute. Da könnte man doch einiges besser machen. Aber es ist doch wirklich so: In jeder Lebensphase fehlt etwas! Wenn man Säuglinge beobachtet, fehlt ihnen eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Die ganz kleinen Kinder ringen um den Spracherwerb; sie wollen sich gerne mitteilen. Sie möchten gerne erwachsen sein. Und dann fängt es schon an, dass man eher rückwärts guckt. Der Greis möchte eigentlich alles wiederhaben. Und so ist uns in jeder Lebensphase ein Mangel auferlegt. Es ist hier schwer, ein Gleichgewicht im Leben zu finden, wo man wirklich ein paar Glücksmomente lang sagen kann: Mir fehlt nichts! Aber irgendwas fehlt doch immer! Ist doch so! (lacht) Das ist eins der weniger Lieder, wo alle sagen können: Ja! Genau so ist es!

SZENE: „Ganz normale Menschen“ ist schon fast eine kleine Lobpreisung an die vielen Menschen, die tagtäglich etwas zum Erhalt der Gesellschaft beitragen, ohne dass sie genügend Anerkennung dafür erhalten. War es schon längst überfällig, diese Menschen auch einmal zu würdigen?

HEINZ: Wenn ich mit dem Lied auf Konzerten fertig bin, sage ich immer: „So, ich glaube, das musste einmal gesungen werden.“ Und dann kommt so ein unglaublicher Beifall! Ja, das war jetzt einmal dran! Und manchmal glaube ich, das ist das Lied, was Martin Schulz in der Bundestagswahl auch nicht geholfen hätte. Das ist doch wie so eine heimliche SPD-Hymne, die sie vergessen haben zu machen. (lacht) Da ist ja auch der Vorwurf ganz vieler Leute in diesem Land. Dass die etablierten Parteien sie vergessen. Die kümmern sich um irgendwelche Exoten, um irgendwelche schillernden Figuren und super-extremen Minderheiten, aber die Erzieherin, der Müllfahrer und der Polizist - die werden vergessen.

SZENE: Bist du der Meinung, als Künstler sollte man politische oder allgemein heikle Themen in der Öffentlichkeit ansprechen, um darauf aufmerksam zu machen? Damit macht man sich ja nicht nur Freunde... 

HEINZ: Das ist eine Frage, die ich nicht für andere beantworten kann. Ich kann mir meine Arbeit nicht anders vorstellen, als dass die ganze Welt drin vorkommt. Es gibt so viele Knalltüten, die nur rosaroten Schlager machen. Mir wäre das nicht genug! Für mich ist die Welt nur komplett, wenn sie auch mit ihren Schattenseiten vorkommt. 

SZENE: Woran mag das liegen, dass viele da nicht machen? Doch kaum daran, dass es die meisten Menschen einfach nicht interessiert...

HEINZ: Das gibt nur zwei Gründe: Feigheit oder Unvermögen.

SZENE: Unvermögen - okay. Aber Feigheit? Vor der Plattenfirma?

HEINZ: Also mich hat die Plattenindustrie immer gut sehr but gehandelt. Ich bin da ein ganz schlechter Kronzeuge gegen die Plattenindustrie, weil sie mir immer viel Freiheit gelassen haben. Gerüchteweise höre ich, dass andere Künstler es schwerer haben; dass sie enger am Zügel geführt werden. Ich glaube aber, es ist eher die Schere im eigenen Kopf. Viele Sänger und Sängerinnen sagen: „Ach, ich will mir das mal nicht verderben mit der. Nachher nimmt mir das ein Teil der Öffentlichkeit übel.“ Und dann halten sie lieber den Mund. Ich bin aber auch enttäuscht von vielen deutschen Kollegen, wenn die das nur spruchbandartig tun. Wenn sie sich dann auf einem Festival einfinden und sagen: „Ja, ich bin auch gegen rechts und für Flüchtlinge“, aber wenn das in ihrer Arbeit dann nicht vorkommt... Ich finde, wir haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit! Das ist doch unser Job! Dass wir das zu unserem Thema machen. Das gehört doch in die Lieder und nicht auf irgendwelche Proklamationen.

SZENE: Du hast schon immer auf Deutsch gesungen. Es gab ja Zeiten, da war dies überhaupt nicht so populär. Heute hingegen erlebt man wieder eine ganz andere Deutschmusikkultur.

HEINZ: In den 90ern gab es so eine Art Talsohle deutscher Musik. Als ich angefangen habe, da war ja gerade das Zeitfenster, wo es aufkam ”“ die NDW-Zeit. Da war deutsche Musik ja schon sehr populär. Durch Techno war das eine Zeit lang wieder ins Hintertreffen geraten, ist dann aber wieder gekommen. Auf meiner ersten Promo-Tour, 1981, da wurde ich noch relativ häufig von Journalisten gefragt: „Warum singen Sie nicht auf Englisch?“ Weil das immer noch das Übliche war. Da konnte ich diese immer sehr gut durcheinander bringen, wenn ich geantwortet habe: „Weil Bob Dylan nicht Kisuaheli singt.“ Es ist für mich nicht nachvollziehbar, nicht in seiner eigenen Sprache zu singen. Ich könnte Englisch singen, wenn ich wollte. Aber ich wüsste, es wäre trotzdem nicht authentisch. In meiner eigenen Sprache bin ich doch vielmehr zu Hause und nur da habe ich doch die Erlebnismöglichkeiten, die ein Dylan in Englisch hat. Und dass Deutsch sich nicht singen lässt, ist Quatsch! Natürlich klingt Deutsch anders als Italienisch oder Spanisch oder Englisch. Aber hallo, wer hat denn das Kunstlied erfunden? Franz Schubert! Der hat auch nicht Kisuaheli komponiert.

SZENE: Was denkst du über den deutschpoprockigen Nachwuchs? Haben die es drauf oder fehlt da Substanz?

HEINZ: Da kenne ich einfach zu wenig davon. Das Einzige, was ich in letzter Zeit mit einem Ohrenwinkel gehört habe, war das Projekt AnnenMayKantereit. Das hat mir gefallen, weil das so rumpelig, schräge und unpoliert war. Und weil dieser junge Sänger so eine bemerkenswerte Stimme hat. Ansonsten finde ich, ist das alles ziemlich schleimig und ziemlich glatt. Und da geht inzwischen auch die Grenze zwischen deutscher Rockmusik und deutschem Schlager völlig verloren.

SZENE: Vor nicht allzu langer Zeit habe ich eine interessante Studie gelesen. Dort hat man wohl statistisch ermittelt, dass man mit Ende 20/Anfang 30 aufhört, neue Musik für sich zu entdecken. Wie ist das bei dir? Gehst du noch auf die Suche nach neuer Musik? 

HEINZ: Amerikanische Forscher finden an einem Tag X heraus und sagen am nächsten Tag Y. (lacht) Für die Mehrheit der Menschen mag das durchaus zutreffen. Für jene, die nur einen normalen Umgang mit Musik haben. Für die Musik also eher ein überschaubarer Bestandteil ihres Freizeitverhaltes ist. Ich kenne da aber ein ganz anderes Umfeld von Menschen, welches sich intensiver mit Musik beschäftigt und wo sich die Neugier noch etwas länger hält. Aber irgendwann kommt der Punkt, das glaube ich auch. Irgendwann ist der Speicher voll. Dann kann man keine neuen Helden mehr zulassen, weil man damit zu tun hat, die alten nicht zu vergessen.

SZENE: Welcher war der wichtigste Song, den du jemals geschrieben hast? 

HEINZ: Das weiß ich nicht. Und das will ich auch nicht wissen, denn dann müsste ich aufhören. Die sind mir alle ziemlich wichtig. Ich habe einmal den einen und den anderen Favoriten - das wechselt. Aber ein Lied, das über allen anderen steht, das wäre ja mein Todesurteil. Dann müsste ich ja Rentner werden...

SZENE: Du machst ja nicht nur Musik, sondern bist auch als Schriftsteller und Dozent tätig gewesen. Hast du nicht Angst davor, irgendwann nichts mehr zu sagen zu haben?

HEINZ: Die Welt geht weiter und ich will sie ja noch weiter wahrnehmen. Beim Schreiben habe ich dieses Gefühl tatsächlich nicht. Es gibt diesen Ekelmoment, den jeder Komponist kennt: Wenn man sich am falschen Morgen nach dem falschen Tee zum ersten Mal vor das Klavier setzt und C-Dur anschlägt. Da möchte man brechen. Da möchte man sagen: „Nein, nicht schon wieder!“ Es gibt den anderen Morgen, da hat man den richtigen Tee getrunken und man spielt C-Dur und denkt sich: „Das ist es doch!“ Wie zum ersten Mal erklingt hier C-Dur. So ein Ekel vor bestimmten Klängen und Harmoniefolgen gibt es ab und zu, weil es ja nur begrenzte gibt. Die Musik ist auserzählt. Es gibt keine neue Musik mehr. Es wurde schon alles gemacht. Wir leben seit mindestens 20 Jahren in einem Retro-Karussell. Die Tastatur hat nur so viele Töne und die mögliche Kombinatorik ist erzählt. Damit müssen wir leben.

 

Interview: Anne-Katrin Kliem

 

Heinz Rudolf Kunze ist am 23.02. zu Gast im Moya.