Die Diskurs-Punks: Die Goldenen Zitronen im Interview

Sie sind die Vorläufer der sogenannten Hamburger Schule: Die Goldenen Zitronen. Die Gruppe um Sänger Schorsch Kamerun und Gitarrist Ted Gaier begann einst als Spaßband und steht heute für 35 Jahre Gegenöffentlichkeit im Geiste des Punks. Auf dem Jubiläumsalbum "More Than A Feeling" (VÖ: 08.02.2019) jongliert das Quintett mit Politik und Kunst und präsentiert eine herausfordernde Mischung aus gesellschaftskritischen Texten, Post Punk, Hip Hop und Avantgarde-Rock. Was Ted Gaier und Schorsch Kamerun alias Thomas Sehl über nützliche Katastrophen, politische Ängste und die Wahrheit über den G20-Gipfel in Hamburg zu sagen haben, erfahrt ihr hier.

 

SZENE: „More Than A Feeling“ heißt ein bittersüßes Liebeslied von der US-Band Boston aus dem Jahr 1976. Gibt es hier eine Verbindung zu den Goldenen Zitronen?”¨”¨ 

TED: Eine Freundin von uns schreibt unter dem Titel ihre Masterarbeit. Wenn ich mich richtig erinnere, geht es um Rechtspopulismus. Gefühlte Wahrheiten. An einem schönen Abend standen wir auf dem Balkon im Uebel & Gefährlich und sie erzählte mir von ihrem Vorhaben. Daraus entwickelte sich eine Diskussion darüber, ob der Titel passend wäre für die neue Platte. ”¨”¨

SZENE: Das Stück „Gebt doch endlich zu, euch fällt nichts mehr ein“ liest sich wie eine Kritik am Eurozentrismus. ”¨”¨

TED: Wenn ich den Begriff „Europäische Werte“ höre, kriege ich einen Koller. Diese komische Überlegenheit gegen alles andere auf der Welt. Als ob die Vernunft hier erfunden worden wäre! Das Lied ist Tourette-Syndrom-artig. Es spricht aus, was wir als Subtext immer klarer zu hören kriegen. Zum Beispiel diese erotische Beziehung der Deutschen zu Mauern und Zäunen. Europäische Werte - gelten nur für Europäer. Die Idee, dass es sowas wie Rassen gäbe, verdanken wir Typen wie Voltaire, Goethe, Kant oder Hegel, die sich alle auf den Aufklärer Carl von Linné bezogen. Der hatte erst die Pflanzen-, dann die Tier- und Menschenwelt kategorisiert und kam zu so Schlüssen wie, dass es Rassen mit unterschiedlichen Eigenschaften gäbe. Die keltisch-germanische über der romanischen und unten die sogenannte jüdischen Rasse und so weiter. Der tolle Aufklärer Kant ging davon aus, dass Afrikaner nicht vernunftbegabt seien. Wie glaubwürdig sind die sogenannten universellen Werte bei so einem Fundament?

SZENE: Man könnte schon den Eindruck gewinnen, Rassismus gehört zur Geschichte der Menschheit dazu...

SCHORSCH: Eine interessante These! Jedoch ohne belegbare Zwangsläufigkeit.

TED: Es gab natürlich Sklaverei, mit ein paar Ausnahmen gab es im Altertum diese Idee nicht, dass man genetisch unabänderlich anders ist. Es wurde eher als Pech angesehen, wenn eine Ethnie einer anderen im Krieg unterlag und versklavt wurde.  

SCHORSCH: Es ist immer ein Abgrenzungskriterium, sehr oft allerdings ein ökonomisches. So ist auch der europäische Wert ein größtenteils ökonomischer. Und darum zieht man um Europa auch immer höhere Abwehrmauern. Wir haben uns im Song „Mauern bauen (testweise)“ gefragt, wie es eigentlich aussehen würde, wenn diese Mauern wirklich mal gebaut werden. Wer hockt dann konkret dahinter? Das wäre mal ein interessantes Experiment. Zu dem Thema haben wir geradezu mehrere Titel auf unserer Scheibe.

SZENE: Habt ihr versucht, euch in Wutbürger und Weltnichtmehrversteher hineinzuversetzen?

SCHORSCH: Das tut man beim Schreiben vielleicht. Die sogenannten Wutbürger sind aber auch eine Wiederkehr der Stammtisch-Polterer, die nun immer mehr in die Mitte vorrücken und bereits im Parlament skandalisieren.

SZENE: Sollte man mehr mit den „Abgehängten“ reden?

SCHORSCH: Aber das hat man doch immer getan! An deren Rhetorik ist gar nicht so viel Neues dran, nur dass es sich jetzt auch völkisch generiert. Wir stehen heute nicht staunend vor Forderungen, die wir alle noch nie gehört haben. Genau denselben ausgrenzenden Scheiß haben wir uns im Westen schon in den späten 70ern angehört. Von Alt-Nazi-Lehrern oder anderen Autoritäten. Die fühlten sich abgehängt in dem Sinne, dass sie ihre Deutungshoheit verloren. 

TED: Wenn man Soziologen glauben darf, dann ist die Verbreitung von rassistischem oder antisemitischem Gedankengut in allen Schichten in etwa gleich stark. Ӭ

SCHORSCH: Eine „Überflutung“ findet gerade dort, wo am lautesten darüber gekläfft wird, jedenfalls am wenigsten statt. 

SZENE: Das Stück „Die alte Kaufmannstadt, Juni 2017“ befasst sich mit dem G20-Gipfel in Hamburg. Die Proteste wurden von schweren Ausschreitungen und erbitterten Straßenkämpfen zwischen militanten G20-Gegnern und der Polizei begleitet. Habt ihr aktiv an den Protesten teilgenommen?

SCHORSCH: Wir leben in dieser Stadt. Man musste sich damit beschäftigen. Wir empfinden das G20-Ereignis weiterhin als super autoritären Akt, der uns als Hamburger/innen befohlen wurde. Man hat es in seiner Unsinnigkeit kaum gefasst, selbst die Polizei nicht. Und dann haben wir mit den unterschiedlichsten Netzwerken, teils sehr coole, unterschiedlichste Dinge erlebt. Wir sind auf der Welcome-To-Hell-Demo direkt vor dem G20-Gipfel aufgetreten. Auch jetzt noch empfinden wir den Demo-Slogan als gelungen in seiner Mehrdeutigkeit.

SZENE: War es rückblickend richtig, den Gipfel in Hamburg stattfinden zu lassen?

SCHORSCH: Es war zutiefst verantwortungslos, dass Olaf Scholz und Angela Merkel gegen alle Bedenken und Widerstände daran festhielten. Und im Nachhinein versuchen sie noch Leute dafür einzuknasten. Mitinitiator Scholz dagegen macht unbeschadet Karriere in der Hauptstadt.

SZENE: Welche Mittel sind legitim, um gegen Machtpolitik zu protestieren?

SCHORSCH: Es gibt alle möglichen Mittel. Man sollte um Räume kämpfen dürfen. Wir leben hier. Und hier wurden plötzlich Natostacheldrahtrollen installiert und Scharfschützen postiert.

TED: Es kommt immer auf die Perspektive der Akteure an, es wird ja immer so getan, als wäre so eine Demo etwas Homogenes. Wenn unterprivilegierte Vorstadtkids auch mal einen utopischen Moment erleben wollen und einen Rewe-Markt oder Handyladen ausrauben, ist ihr Motiv ein anderes als das eines sogenannten Globalisierungsgegners. Wir wollten auf die Proteste einen differenzierteren Blick werfen und die ganzen Vielschichtigkeiten aufspüren, die in den meisten Diskursen nie vorkommen. ”¨”¨

SZENE: Welche Aspekte sind das?ӬӬ

TED: Zum Beispiel, dass Leute mit schwarzen Hasskappen, wenn sie aus Griechenland oder Spanien kommen, eine ganz andere Betroffenheit von der Austeritätspolitik der EU und andere Kampfpraxen mitbringen als der/die gleichgekleidete Autonome aus Deutschland. Für die Angereisten ist die Schanze Teil der Repräsentanz von diesem Schäuble-Deutschland. Da ist es dann auch zweitrangig, ob das ein latent linker Stadtteil ist. ”¨”¨

SZENE: Wie habt ihr die Proteste persönlich erlebt?”¨”¨

TED: Ich wohne um die Ecke von der Davidwache, mein persönliches Highlight war dieser Rave, während die Schanze brannte. Da war ein Soundsystem mit genial hartem Techno auf der Kreuzung Davidstraße/Reeperbahn und die unterschiedlichsten Leute tanzten vor diesen zwei Wasserwerfern, die sozusagen die Lightshow dazu machten. Ansonsten war es eine irre Erfahrung, dass drei Tage lang praktisch keine Autos fuhren.

SCHORSCH: Im Auge des Zyklons war es zum Teil sogar ruhig.

SZENE: Wie verhalten sich Menschen, wenn die soziale Ordnung verschwunden ist?

TED: Es ist sehr interessant, was sie sich zu erzählen haben und worüber sie lachen. Viele haben wirklich Spaß, wenn es mal anders ist.”¨

SCHORSCH: Ich glaube nicht, dass solch ein aus dem Ruder laufender Gipfel eine Szene oder einen ganzen Stadtteil schwächt, es entsteht eher eine neue Solidarität. So fand nach G20 ein großes Treffen mit den unterschiedlichsten Leuten im St.-Pauli-Stadion statt. Es sind Netzwerke und Koalitionen entstanden, die man vorher gar nicht für möglich gehalten hätte. Das ist ein Reflex auf das, was vorher unbedacht autoritär hingeworfen wurde. Ganz viele Aktionen waren im Übrigen sehr gelungen, nur wurden sie von der herrschenden Erregungsgeilheit kaum wahrgenommen.  

SZENE: Habt ihr einen aufklärerischen Anspruch?

SCHORSCH: Ich glaube schon, dass wir zum Teil journalistisch arbeiten.

SZENE: Was sind eigentlich „Nützliche Katastrophen“?

SCHORSCH: Das sind entstandene Situationen, die von solchen ausgenutzt werden, die sie selbst erzeugt haben. Also: es wird Panik erzeugt, weil behauptet wird, man müsse sich vor etwas fürchten, vor Geflüchteten zum Beispiel. Wenn das erreicht ist, stellt man sich hin und behauptet, mit welchen rigiden Mitteln man „aufräumen“ wird, wenn man dazu autorisiert wird, von Wählern zum Beispiel. 

SZENE: Wie kommt ihr als antikapitalistische Band in der reichen Kaufmannsstadt Hamburg zurecht?

TED: (lacht) Schorsch hat sich auf St. Pauli ein Häuschen gekauft, das er in zehn Jahren schön abstoßen kann. Ich wohne in einer Mietwohnung auf dem Kiez. Ich glaube an die Lebensform WG als Gegenmodell zur Lebensabschnittskleinfamilie. Außerdem ist so das Überleben erstmal gesichert. ”¨

SCHORSCH: Wir sind natürlich Mitgentrifizierer. Auch bei diesem Interview vergrößern wir die Attraktivität von Rauheit der Marke Hamburg entscheidend! „Cats“ hat die Pforte weit aufgemacht, man konnte als Bürger wieder auf den Kiez gehen und etwas unbeeinträchtigt erleben. Das Schmuckstück Elbphilharmonie steht in der Wildheit der peitschenden Elbe und dort tun sich die Herrscher der Welt ein ungestörtes, besinnliches Konzertchen an. Solche Widersprüche sind hier besonders deutlich. Auch der FC St. Pauli ist eine florierende Marke, sein Totenkopf-Symbol ein hochwertiges Label. Der gesamte Stadtteil St. Pauli ist inzwischen so teuer wie Blankenese.

TED: Als ich nach Hamburg gezogen bin, wusste ich gar nicht, dass es eine so reiche Kaufmannsstadt ist. Damals war St. Pauli noch einer der ärmsten Stadtteile Europas. Die Buttstraße am Fischmarkt, wo wir zuerst gewohnt haben, war quasi die Müllhalde.

SZENE: Die Goldenen Zitronen werden dieses Jahr 35. Gibt es bei euch noch den Druck, sich steigern zu müssen?

SCHORSCH: Wir haben uns gesteigert, haben jetzt endlich unser bestes und gleichzeitig persönlichstes Album abgeliefert! Wir bringen aber in dem Sinne kein Produkt heraus, von dem wir uns erhoffen, ökonomisch ganz viel zu haben. Es besteht eine Notwendigkeit, so zu spielen und so zu erzählen. Was das angeht, sind wir eine pure Punkband. Wir wollen uns einmischen.

TED: Das ist ein ziemliches Privileg. Unseren Track zum G20-Gipfel wird man sich noch in 30 Jahren anhören. Da haben die Leute längst nicht mehr die Archive der Zeit oder der Bildzeitung auf dem Zettel. Dieser Track wird in Zukunft mehr über den G20 erzählt haben als die Tagespresse. Das ist für mich ein kleiner Triumph. Im besten Fall wie beim „Rauch-Haus Song“ von den Ton Steine Scherben, wo heute noch Namen mitgesungen werden, die schon lange kein Mensch mehr kennt. Eine Band kann schon eine ganz schöne Machtposition haben.”¨ 

SCHORSCH: (lacht) Aber auch gleichzeitig die Verantwortung, die Wahrheit zu sagen.

SZENE: Kann ein Song wirklich etwas bewirken?

SCHORSCH: Keine Ahnung, ob wir mit unserer Musik etwas verändern können. Wir sind natürlich auch durch irgendjemanden politisiert worden und zu einer Haltung gekommen. Ein Kollektiv wie Crass hat mir damals politisch und ästhetisch sehr gut gefallen. Ich mochte auch die Gruppe Spitz Energy, die jedes Jahr einen anderen Namen annahm. Das haben wir auch mal mit dem Golden Pudel Club gemacht, eine Zeit lang hieß er dann Dr. Helmut Kohl. Ich mag irritierende Strategien im Markenkapitalismus. Auch wir sind neurologisch betrachtet nur Wiederholer, aber vielleicht haben wir ja einen gewissen Einfluss. Das ist aber nicht zu verwechseln mit Anspruch.

Interview: Olaf Neumann