Dem Lippi sein Monolog: Der Automat

Bereits während des Wahlkampfs zeterte Prof. Dr. Fleischschleifer herum. Seit die ersten Plakate die Laternen der Hansestadt verzierten. Sie regte sich über nicht vorhandene Wahlthemen auf, über die großteils unfotogenen Gesichter der Kandidaten zu Wahlsprüchen, für die das Wort „Beliebigkeit“ neu definiert werden müsse. Über die Kandidaten der gleichzeitigen Kommunalwahlen, deren Slogans ebenfalls Allgemeinplätze behandelten, jede Kontroverse ausblendeten und neben Photoshop-geweißten Zahnreihen in grinsenden Gesichtern auch keinen Hingucker verursachten. Über die Bürgernähe, die daraus bestand, jeder individuellen Problembeschreibung mit bestätigender Kritik nahezulegen, wo das Kreuz an der richtigen Stelle sei. Unangreifbarkeit als höchstes politisches Gut.
Prof. Dr. Fleischschleifer sagte, sie sehe nicht, dass die Realpolitik aufhören könne, derart opportun den überproduzierenden Kommerz zu unterstützen, mit seinem inzwischen unnötigen Arbeitsplatzargument. Sie meinte dann, sie sehe deshalb nur noch eine Lösung, nämlich die totale Automatisierung. Und als erstes müsse die demokratisch gewählte Vertretung automatisiert werden, denn der Mensch an sich sei zu egoistisch und geistig beschränkt, als dass er sich der Lösung realer Probleme stellen könnte. Ein Automat dagegen würde die nötigen Schritte einleiten, ohne auf Beliebtheit, oder Wiederwahl zu achten. Denn, so argumentierte sie weiter, der Egoismus in der menschlichen Politik würde zuvorderst Diskurse zulassen, sofern diese keinen Wähler direkt belasten. Weshalb das Forcieren diffuser Ängste und die Verteufelung des Lebens außerhalb des Wahlkreises zwar Öffentlichkeit provoziere, aber dieser Rückschritt in alte Denkmuster nur Änderungswillen verkörpert, ohne Inhalt, im schlimmsten Fall zerstörerisch und das gehe nun wirklich nicht.
Also machte Prof. Dr. Fleischschleifer ein paar Besorgungen und seitdem arbeitet sie in ihrem Labor.
Weil ich neugierig bin, frage ich, ob ich assistieren dürfe, was sie bejaht, unter der Bedingung, dass ich sie nicht anspreche und nichts anfasse.
Sie beschreibt den blauen Metallkasten, der in der Mitte des Raums bis zur Decke reicht, als die zentrale Recheneinheit. Die Prozessoren würden aus der herkömmlichen RISC-Entwicklung stammen. Jedoch habe die Reduktion der Baugröße dazu geführt, dass Elektronen sich nicht mehr nach den Wegen der Schaltkreise richten, weshalb mit etwas Aufwand die Zustände der Teilchen quantenmechanisch interpretiert werden könnten. Die Wahrscheinlichkeiten würden zuerst genutzt, um sich in alle relevanteren Systeme zu hacken, was die Übernahme durch den Automaten natürlich erleichtere. Die zentralen Knotenpunkte hätte die Recheneinheit bereits unter Kontrolle und sie analysiere deren Datenströme. Die Informationen seien inzwischen recht vollständig strukturiert. Und im Demo-Modus lief alles recht nachvollziehbar.
„Wern wa schon schaukeln, oda?“ fragt Prof. Dr. Fleischschleifer und zieht den Hebel herunter, der mittig aus dem blauen Kasten ragt.